Clementine Bardewick to Max Hinrichs, April 29, 1920: #2
Original title: HinMax_0012_0002.jpg
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Zeit ist, statt daß es besser wird, wird es immer schlimmer. Es herrscht hier auch solche Wohnungsnoth, es sind noch viele Familien die zu Mai kein Unterkommen haben, wer eine Woh= nung hat behält sie, der Hausei= genthümer kann den Miether nicht los werden, jetzt geht eine Kommis= sion herum um die Wohnräume zu besichtigen, ob Jemand zu viel Raum beansprucht, dann muß er noch was abgeben. Ich habe eine kleine nette Wohnung, wohne hier 12 Jahre, fürchte aber wenn sie bei mir kommen u. nachsehen, daß ich noch Räume abgeben muß. Daß kann unter Umständen sehr lästig werden. Trotz der Teuerung u. Lebensmittelknapheit heirathen die Leute als wenn es Notsachen sind, für junge Leute ist nicht mal das Brod ausreichend 4@ die Woche, ich habe genug aber wer jung ist und
ordentlich Apetit hat, kommt nicht
damit aus. Das Brod wird auch
immer schlechter, was da wohl alles
mit hinein gebacken wird. Diesen
Winter gab es so wenig Weisbrod,
ich bin oft vergebenst zum Bäcker
gegangen. Um 8 Uhr morgens fing
der Verkauf an, um 1/2 8 standen wir
schon in der Kälte vor der Thür, dann
wenn aufgeschlossen ging das Gedran=
ge los, da bekam nur die Hälfte
was, dann hieß es "Ausverkauft" u
wir mußten Schwarzbrod nehmen.
Jetzt liegen die Schaufenster voll
Weisbrod, das heißt es wird so ge=
nannt, es ist so schlecht ganz
grau, kein Mensch will es haben,
wir müssen es aber kaufen, sonst
giebt es kein Schwarzbrod. So et=
was kannten wir doch früher nicht
ich denke noch oft an das schöne
Weiß u. Graubrod u. den feinen
Kloben den wir zum Fest backten,
daran ist jetzt nicht zu denken