Collection: Raster Family Letters
Author: Hermann Raster
Recipient: Sophie Raster
Description: Letter from Hermann Raster to his sister, Sophie Raster, May 1, 1872.
Original text
[roman:] Chicago, 391 West Jackson Street [/roman], 1. Mai 1872
Meine liebe Schwester
Endlich befinden wir uns, zwar noch nicht ganz, doch schon völlig be=haglich eingerichtet, in einem eigenen Heim. Am vorigen Donnerstag sind wir eingezogen, nachdem wir in den weißen Zimmern die Teppiche vorher hatten legen lassen und seit Sonnabend haben wir das Kind bei uns. Eigentlich hatten wir es auf nächsten Sonnabend herein=zuholen beabsichtigt, allein da es in den letzten Wochen - sei es in Folge der erstaunlichen Winterwitterung, sei es wegen Einsetzens der ersten Zähne - sehr gekränkelt hatte und abgefallen war, so beeilten wir uns, es zu uns zu nehmen, um es innerhalb des unmittelbaren Bereichs ärztlicher Hülfe zu haben. Es ist noch immer schwach und sehr knurrig, doch sind die beun=ruhigenden Symptome beseitigt. Mit voller Gewißheit kann man freilich bei einem an sich schon so schwachen Päppelkind nicht darauf rechnen, daß es das Zahnen überstehen wird, doch müssen wir eben das Beste hoffen. Seit vorgestern haben wir eine 40jährige westpreußische Bäuerin, [strikethrough:] als [/strikethrough] die erst drei Wochen in Amerika ist, als Wärterin für das Kind, werden sie aber schwerlich behalten können, denn obschon willig genug, ist sie ein ent=setzlich unwissendes und ungeschicktes Ding, das in einen städtischen Haushalt nicht besser passt, als der Elephant in einen Porzellanladen.
Eine Beschreibung unseres Hauses habe ich schon früher an Mathilde geschickt. Es hat nicht ganz so viele Räumlichkeiten, wie unser abgebranntes, aber besser verwendbaren. Jedes Zimmer ist hell und da die ganzen 25 Fuß Breite vollgebaut sind, so sind die Räume breiter, - das Parlor über 16 Fuß. Der Anbau ist in der Mitte, so daß rechts und links davon je ein Fenster ist [three sketches of floor plans] Unsere Einrichtung, bei
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welcher ich nicht zeige, würde Dir sehr gefallen. Es macht uns Allen großes Vergnügen, einmal aus dem Rollen alles neu anzuschaffen. - p[strikethrough:] D [/strikethrough] Neu in den beiden kleinen Anbauzimmern, von welchen wir das untere als Boudoir und Nähzimmer, das obere als Kinderstube benutzen, haben wir den recht hübschen two ply (tu-plei) Teppich liegen, welchen wir für die [roman:] cottage [/roman] gekauft hatten, sonst in allen Zimmern nur hellen Brüsseler zu 1.60 die Yard, und zwar wunderschöne moderne Muster. - Für das Parlor habe ich ein herrliches [roman:] set [/roman] (Sopha, 2 Lehn=stühle, 4 gewöhnliche Stühle, deren Sitze und breiten Rücklehnen aber auch ge=polstert sind, so daß sie so groß wie Lehnstühle erscheinen) vom feinsten polirten u. an den Rückenstücken mit Mosaik Rosetten von breiten Figürchen aus Ebenholz eingelegten Walnußholz mit rothem Seidenbrokat (zu 8 Doll. die Yard) über=zogen. - Die Gardinen kosten 11 Doll. per Fenster u. sind mit lambrequins von demselben Stoff, wie die Möbelüberzüge behängt. - Im Hinterparlor stehen unsre geretteten schwarzen Möbel, vervollständigt durch ein hübsches kleines Sopha und einen Schaukelstuhl; im Anbauzimmer eine neue Nähmaschine. - Unser großes, dreifenstriges Schlafzimmer, in welchem der Raum für das Bett durch einen schön ver= zierten Bogen abgetheilt ist [sketch of floor plan] habe ich, einigermaßen gegen [roman:] Gretchens [/roman] Protest nach meinem Geschmack eingerichtet. Bettstelle und Kommode (letztere mit tief herab=gehendem Spiegel) sehen um mindestens 100 Prozent besser aus, als die verbrannten. Sie sind [strikethrough:] von [/strikethrough] mit feinst gemasertem [strikethrough:] selb [/strikethrough] buchsbaumartig polirten Nußbaumholz eingelegt, prachtvoll geschnitzt, die Kommode mit herabhängenden [sketch of drawer handle] vergoldeten Griffen Auf der Südseite würden die beiden Stücke gewiß 225 bis 250 Doll. gekostet haben, ich habe sie auf in der Fabrik auf der Westseite für 155 Doll. - Teppich grün mit goldenen Arabesken, Sopha und (geretteter) Lehnstuhl grün wollen Rep, Lambre= quins ditto. - In dem hintern (Gertruds, resp. Mathildes) großen Schlafzimmer liegt ein Teppich, der auf weißem Grunde große Streu-Rosenbouquets zeigt. Die Bettstelle , ist die, welche uns im Winter als Ehebett diente und sieht beinahe so hübsch aus, wie unsre verbrannte
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Für das Schlafzimmer habe ich sehr hübsche Walnußstühle mit eingeritzten Arabeskenfi= guren (39 Doll. das Dutzend) angeschafft. Dorthin nehmen wir unsere geretteten parlor Gardinen, an die 5 Schlafzimmerfenster ähnliche neue zu 7 Doll. das Fenster. Porzellanzeug, versilbertes Kaffeeservice (Kanne, Milchtopf, Zuckerdose für 20 Doll) u.s.w. habe ich alles nach [roman:] Gretchens [/roman] Geschmack angeschafft; - als Mittelstück für den (von schneeweißen italien. Marmor) Kamin im Vorderparlor die Rogers'sche Gruppe: "Der letzte Schuß" für 15 Doll. Den prachtvollen Pfeilerspiegel zwischen den Fenstern (8 Fuß hoch), ohne die goldene Kronenverzierung obenauf) habe ich mit dem Hause für 175 Doll. übernommen.
So habe ich Dir eine möglichst genaue Beschreibung unseres Heims gegeben, welches Du hoffentlich, ehe es allzusehr eingewöhnt worden ist, aus eigener Anschauung kennen lernen wirst. - Die ganze Einrichtung wird ungefähr 2000 Doll. kosten, vielleicht ein paar hundert Thaler mehr. - Damit wird mein flüssiger Geldvorrath bis auf etwa 500 Doll. reduzirt. Bleiben dann die laufenden Einnahmen. Vom 1. Juli ab , werde ich neuen Contrakt machen, mit 4000 Doll. Gehalt baar und 1000 zu 10 Prozent stehen bleiben, so daß ich nach 5 Jahren 6000 Doll. erspart haben würde. - Mit 4000 Gehalt und 2100 Dividende, dazu (nach= dem die Abrechnung meines Amts erfolgt sein wird) schuldenfreiem Hause können wir davon recht angenehm leben, so daß auch [roman:] Gretchen [/roman] bei dieser Aussicht alle Lust zu einer Übersiedelung nach Deutschland verloren hat. - Mein Amt habe ich gestern heute an meinen Nachfolger ([Drorie?]) abgegeben und bin sehr froh, daß es geschehen ist, denn mein Ansehen in der Presse hatte leider durch die Thatsache, daß ich Beamter war, sehr verloren nur dadurch waren meine Beziehungen zur Zeitung peinlich gespannte geworden. Jetzt ist wieder alles in Ordnung. - Meine "bills" (Gesuch zur Niederschlagung der verbrannten [Stempel?] und der Schadt'schen Veruntreuung) sind freilich noch nicht im Congreß angenommen und vielleicht zieht sich die Sache bis zum nächsten Winter hin, doch wird eine
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Einklagung des Betrags gewiß nicht erfolgen.
Von Mathilde hören wir ja Gottlob nur Erfreuliches, d. h. daß sie sich trefflich amüsirt und gesund ist. Von ihrem Lernen freilich hören wir um so weniger. Uns nicht erfreulich ist, daß die Kosten ihres Aufenthalts so enorm viel höher sind, als wir veranschlagt hatten. Nach der Rate, nach welcher bis jetzt der Creditbrief benutzt worden, werden in einem Jahr 1000 Thaler darauf gehen, was dann doch fast mehr als amerikanisch ist. Ich kann so viel sagen, daß mir dadurch der früher gehegte Gedanke einer Übersiedelung nach Deutschland gründlich verleidet ist. Mit der gerühmten Wohlfeilheit in Dessau ist es eitel Humbug. So viel wie Mathildes Toilette in Dessau kostet die meiner Frau in Chicago nicht.
Nun, meine liebe Schwester, zuletzt noch meine herzlichsten Glückwünsche zu Deinem Geburtstag. Mögest Du ihn noch recht oft und im besten Wohlsein und vollsten Behagen, und recht bald wieder in Chicago verleben bei Deinem treuen Bruder [roman:] Hermann Raster [/roman]
Inliegend die Quartalzinsen für den Schwager. Ich bedaure daß der Goldcours etwas ungünstig ist (Gold 112 1/2), indessen sind 61 Thaler immerhin ein Viertel von 244, also bringts 10 Prozent auf 2500
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Herzlichen Gruß und Glückwunsch! Gertrud.
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Liebe Sophie! noch Raum genug habe ich, um Dir für heute wenigstens einen herzlichen Glückwunsch auszusprechen und hoffe ich, daß das kommende Jahr sich besser anläßt als das vergangene Deine Margarethe
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