Collection: Hess/Hassel Family Letters
Author: Emilie Hassel
Recipient: Friedrich Wilhelm Hess
Description: Letter from Emilie Hassel to her brother, Friedrich Wilhelm Hess, August 30, 1874.
Original text
Hamm den 30ten August 1874.
Mein guter Bruder!
Mit großer Sehnsucht hatten wir schon längst auf ein Brieflein von Dir gehofft und ge=harrt, fürchteten schon es sei verloren gegan=gen, da wir ja nicht dachten, lieber Wilhelm, daß ein so schwerer Unfall dich getroffen hätte. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie außer uns wir bei dieser entsetzlichen Nachricht waren, Mutter konnte sich gar nicht beruhigen, es ist aber auch zu arg, und möchten wir nur, daß dieses Raubgesindel dafür gründlich abgefaßt und bestraft würde. Doch Du, mein alter Bruder, hast darunter leiden und sicher endlose Schmerzen ausstehen müssen, könnte aufrichtige Theilnahme und inniges, warmes Mitgefühl noch nachträglich Dir Linderung verschaffen, dann wärst Du [?] frei [/?] [illegible] von jeglichem Leid und fühltest Dich frisch und kräftig, wie zuvor. Wie gern hätten wir Deine Wunden gekühlt, Dir einen erquickenden Labetrunk gereicht und Deinen
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Schlummer bewacht, hast Du auch wohl gute, treue Pflege gehabt? und hat es Dir an nichts gefehlt? Es ist auch für Dich außerdem mehr wie fatal, daß Du auf diese traurige Weise in Deiner Thätigkeit gestört worden bist, möchtest Du doch bald wieder eine andere vor=theilhafte Stellung erhalten, damit es Dir an nichts mangelt. Können wir vielleicht etwas für Dich thun, so sprich es frei und offen aus, gern und mit freudigem Herzen soll es ge=schehn, gib uns nur Mittel und Wege an, auf welche Weise wir Dir nützen können, im Stich ließen wir Dich nicht. Wir sind fast acht Wochen, bei Fritz, am schönen Rhein gewesen, und an demselben Morgen, wie wir abrei=sen wollten, erhielten wir Deinen Brief, mit der traurigen Kunde Deines Unfalls; der Brief war in Hamm liegen geblieben, da [?] wir [/?] erst früher zurück kehren wollten, dann aber unsere Heimkehr noch verzögern mußten, da Mutter auch gar nicht gut war, und auch jetzt noch immer leidend ist, so daß wir den Arzt kommen ließen, der auch meinte,
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daß die Kräfte doch recht abgenommen, sich nicht günstig über ihren Gesundheitszustand außerte. Ich bin stets voller Sorge, lasse es mir aber nicht merken, scheine selbst heiter, an Pflege fehlt es unserer alten Mama in keiner Weise, die Geschwister thun nach allen Richtungen hin das mögliche, aber das Alter ist da, und mir erscheint jeder Tag wie ein Geschenk; möchte der gütige Gott uns unser theures Familien=haupt noch lange, lange erhalten, möchte es so und nicht anders in seinem weisen Rathe beschlossen sein. In Fritzens Häuslichkeit war es sehr, sehr gemüthlich und angenehm, die Kinder wenn auch stellenweise unruhig und unartig, sind doch sonst ganz prächtig, und die kleine Magdalena ist ein süßes Geschöpf=chen. Sie nennt sich selbst [roman:] „Nena Assel“ [/roman], und ist eine drollige kleine Plaudertasche, deren Mäulchen immer in Bewegung ist. Fritz er=zieht die Kinder wenn gleich liebevoll, doch auch mit rechtem Ernst und mit Strenge, der Stock spielt eine große Rolle, sie müssen aufs Wort gehorchen, das ist die militairische Disciplin.
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Fritzchen lernt gut, er hat eine sinnige Natur und ein tiefes Gemüth, der Dicke ist noch Spielkind bis zum October, dann muß auch er heran, das wird ihm noch komisch vorkommen. Die Gegend am Rhein hat uns aufs Neue immer und immer wieder entzückt, mit Mutter konnten wir nur größtentheils fahren, viel und weit gehen, kann sie nicht mehr, aber ihre Freude über die schöne Gotteswelt war doch groß und wir hatten vereint doch rechten Genuß daran. Nun sind wir aber auch ganz zufrieden, wieder in unserm gemüthlichen, trauten Heim zu sein, im Anfang hatte ich viel zu ordnen und zu thun, daher gelange ich auch erst heute dazu Dir diese Zeilen zu senden, möchten Dich dieselben doch wieder recht gesund und that=kräftig antreffen, wie unendlich würde uns das freuen, und so recht dringend möchte ich Dich bitten uns doch so bald Du nur irgend kannst, wieder Nachricht von Dir zu schicken. Und ich weiß, Du erfüllst uns diese Bitte, entspringt [?] sie [/?] doch aus dem Interesse für Dich, womit Dein Wohl oder Wehe uns am Herzen liegt. Gott behüte Dich ferner und schenke Dir Deine volle Gesundheit wieder. Mit den aufrichtig=sten Grüßen von der Mutter verbleibe ich stets
Deine alte treue Schwester [roman:] Emilie [/roman].
Letter metadata




