Collection: Hess/Hassel Family Letters
Author: Emilie Hassel
Recipient: Friedrich Wilhelm Hess
Description: Letter from Emilie Hassel to her brother, Friedrich Wilhelm Hess, November 8, 1874.
Original text
Hamm den 8 ten November 1874.
Mein lieber Wilhelm!
Gott sei Dank, mein guter Bruder, daß es doch nach Deinem entsetzlichen Unfall, mit Deinem Befinden wieder in etwa besser geht, und die Kräfte wieder im zunehmen begriffen sind. So kannst Du uns ja selbst berichten, und wir freuen uns ganz ungemein, ob dieser günsti=gen Nachricht, gebe der Himmel nun, daß es so dabei bleibt, und der alte Rheumatismus sich auch bald ganz und gar entfernt, und Du frisch und gesund Deiner Straße fürder ziehen kannst. Du glaubst gar nicht, wie leb=haft uns Dein Ueberfall beschäftigt hat, wie wir mit Dir gefühlt, mit Dir gelitten haben, und wie unendliche Freude uns Dein lieber, prächtiger Brief bereitet hat, wie froh uns die Kunde Deiner Genesung gestimmt hat.
Sehr wünschenswerth wäre es für Dich, wie=der eine feste Stellung zu erhalten, das Leben und die Bedürfnisse desselben wollen ja nun einmal ihre Rechte haben, das läßt sich nicht ändern, und es ist wahrlich nicht so leicht, bei
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diesen theuern Zeiten, zu bestehen; aber gewiß wird es sehr gut für Dich, wenn Du eine ruhigere Stel=lung erzielen könntest, das fortwährende Jagen und Treiben des politischen und parlamentarischen Lebens taugt nichts, es reibt auf und macht ab=gespannt und mürb. Doch ich habe gut reden, die Theorie ist gewöhnlich ganz anders, wie die Praxis, aber ganz unendlich würde ich mich freuen, wenn Du eine Dir zusagende, ruhigere Beschäftigung gefunden hättest. - Von uns, mein lieber Wilhelm, möchte ich Dir nun auch berichten, aber leider kann ich Dir wenig Gutes melden, denn mit Mutters Befinden sieht es gar traurig aus, das Alter macht sich mit jedem Tage fühlbarer, und die Kräfte nehmen immer mehr ab. Eine eigentliche, ausgesprochene Krank=heit ist es nicht, aber von dieser Hinfälligkeit und Schwäche machst Du Dir gar keinen Begriff, allein gehen oder stehen, ist nicht mehr möglich, vom Bett auf den [?] Sachse [/?], und so umgekehrt. Der Arzt verordnet nur noch die kräftigste Pflege, und den besten, alten
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Wein der zu haben ist. Und daran fehlt es in keiner Weise, die Geschwister sorgen mehr wie gut, was zur Stärkung und Hebung der schwin=denden Kräfte gethan werden kann, das geschieht in reichem Maaße, noch gestern kam von Fritz wieder eine Kiste mit prachtvollem alten Wein an, der ganz köstlich ist. Ich hielt es selbstredend für meine Pflicht, Euch fernen Geschwister, von Mutters leidenden Gesundheitszustand in Kenntnis zu setzen, nachdem ich vorher Rücksprache mit dem Doctor genommen hatte. Er sagte mir, daß der Zustand unberechenbar sei, Be=stimmtes ließe sich darüber nicht sagen, wenn nichts unvorhergesehenes dazu käme, kann sich das noch längere Zeit so hinziehen, augenblicklich sind die Füße sehr geschwol=len, Abends sehr stark, Morgens ist es immer etwas besser. Mutter ist sehr geduldig und ergeben, ist geistig so klar und ruhig, und hat noch lebhaftes Interesse für Alles was sie umgiebt, beschäftigt sich aber selbstredend in Gedanken am meisten mit dem Wohl
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oder Wehe ihrer Kinder. Besuch von Bekannten hat sie schon seit längerer Zeit gar nicht mehr ange=nommen. Aber Paula war hier, worüber sie große Freude, zwar nur wenige Tage, aber dies war in einer Art gut, denn es war für M. doch auch zugleich aufregend und angreifend. Dann kam Bertha und darauf Fritz, die Bei=den waren einen Tag zusammen hier, hatten sich seit Jahren auch nicht gesehen, Fritz blieb nach Bertha's Abreise noch einen Tag, damit der Abstand nicht gleich so groß und die Stille so sehr hervortrat. Das Kommen war sehr, sehr schön, aber der Abschied schwer und tief betrübend. Wenn auch vieles mit Worten nicht ausgesprochen wird, so fühlt und empfin=det es sich wohl um so tiefer und inniger.
Für mich war der Besuch der Geschwister ja auch ein großer Trost und eine rechte Beruhigung, sie haben sich nun selbst überzeugt, wie es hier bei uns steht und aussieht, möchte der gütige Gott geben, daß es sich nochmals wieder zum Guten neigte, aber leider muß ich mir selbst sagen, daß dazu wenig Aussicht vorhanden ist.
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2) Die Pflege unserer guten Mutter nimmt mich sehr in Anspruch, und dies ist auch der Grund, weßhalb ich erst heute dazu gelange, Dir ein Lebenszeichen von uns zu geben, es giebt Tage, wo ich factisch nicht zum sitzen komme; ich weiß, lieber Bruder, Du entschuldigst daher mein läng=res Schweigen, am guten Willen hat es wahrlich nicht gelegen, aber Kopf und Herz sind mir oft mehr wie schwer und trübe, und doch darf ich es mir nicht merken lassen, muß immer noch heiter scheinen, wenn ich auch oft mit Gewalt die Thrä=nen zurück drängen muß. Doch auch ein frohes Ereignis muß ich Dir noch mitthei=len, bei Fritzens in Koblenz ist wieder ein Töchterchen angekommen, und hat die Kleine den 18 ten October das Licht der Welt erblickt. Ein ganz hübsches Zu=sammentreffen ist dies, denn Elses' einzige Schwester Klara feiert am selbigen Tage auch ihren Geburtstag, so wie mein We=
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nigkeit, und da sagt dann Fritzt mit Recht im Namen seines Töchterchens: Ich sei gewährt mir die Bitte, in Euerm Bunde die Dritte. Und wie unendlich gern wir sie aufgenommen, bedarf ja weiter keiner Worte. Die Kleine soll den Namen Marianne in der Taufe erhalten, zum ewigen Gedenken an unsere theure Mutter. Eine große Freude würdest Du uns allen, namentlich aber auch der alten Mama bereiten, wenn Du recht, recht bald wieder Nachricht von Dir ge=ben wolltest, es interessiert uns ja Alles und Jedes was Du thust und be- ginnst, und wie prächtig wäre es, wenn Du recht günstig über Befinden und Stellung berichten könntest. Wir Alle grüßen Dich so herzlich und innig und gedenken Deiner oft und in Liebe. Gott sei mit Dir und uns Allen!
Dies ist der aufrichtige Wunsch Deiner
treuen Schwester [underline:] [roman:] Emilie [/roman] [/underline]
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Hast Du jetzt eine andere Adresse, dann theile sie mir [insertion:] mit, [/insertion] [underline:] vergiß es nicht. [/underline] - Ich schicke noch unter der früheren.
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Letter metadata






