Collection: Hess/Hassel Family Letters
Author: Emilie Hassel
Recipient: Friedrich Wilhelm Hess
Description: Letter from Emilie Hassel to her brother, Friedrich Wilhelm Hess, July 1, 1876.
Original text
Gumbinnen den 1 ten Juli 1876.
Mein alter, guter Bruder!
Damit Du Dich doch überzeugst, daß ich meinem Versprechen auch gern nach=komme, Dir öfter Nachricht von uns zu geben, ergreife ich mit Freuden die Gelegenheit, Dir, wenn auch nachträglich, die herzlichsten Glück=wünsche zu Deinem Geburtstag zu übersenden. Ganz fest hatte ich mir vorgenommen, gerade am [underline:] 27 ten Juni [/underline] selbst, Dir mein treues Gedenken auszusprechen, und Dir zu sagen welch innigen Antheil wir alle ver=eint hier an Deinem Wohl oder Wehe nehmen, leider aber wurde mein Vorhaben vereitelt, da wir
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unruhige Tage hatten, die durch auswär=tigen Besuch veranlaßt wurden. Die Herrn Präsidenten von roman:]Diest[/roman] aus Danzig und von [roman:] Flottwell [/roman] aus Marienwerder besuchten Schwa=ger Otto, Beide waren sehr liebenswürdig, geistig frisch und angeregt, und es war ein sehr nette Zeit, aber nicht geeignet um Briefe zu schreiben. Außerdem ist Rudolf noch auf 4 wöchentlichen Urlaub hier, da sich die weitere Reise von [roman:] Altona [/roman] sonst nicht lohnt, zu theuer ist; nebenbei auch noch Ferien der drei jüngsten Söhne, da weiß man oft wahrlich nicht, wo einem der Kopf steht, wie Du leicht ermessen kannst. Im Ganzen kann ich Dir Günsti=ges melden, obgleich Westarp sowohl, als wie auch Bertha, abwechselnd oft leidend sind, Beide haben recht gealtert, sie haben aber auch Vieles durchgemacht, denn es ist heutzutage wahrlich nicht leicht, eine
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Familie mit 5 Söhnen zu unterhalten und durchzubringen. - Hoffentlich hast Du mei=nen letzten Brief von Ende Mai richtig erhalten, ich schrieb unter Deiner alten Adresse, im Fall, daß Du auch zu der so berühmten Welt-Ausstellung gefahren bist, nehme ich an, daß die Postsachen Dir nachgeschickt werden. Sehr gespannt bin ich auf Deinen nächsten Brief, da wirst Du höchst in=terressant berichten können, ich verfolge schon immer die Zeitungen mit der größten Aufmerksamkeit, es muß doch recht großartig dort sein. Hier haben wir viel von der Hitze auszustehen, so kalt wie stellenweise der Winter, so tropisch der Sommer, das sind die Extreme. Wir sind alle Nachmittag und Abend im Garten, der zur Dienst-Wohnung gehört, schade daß er nicht unmittelbar am Hause liegt, dadurch viel lästiger, er ist sonst recht hübsch angelegt, birgt manch' schattiges Plätzchen, und sitzen wir größ=
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tentheils auf der Veranda, die sehr freund=lich von wilden Wein umrankt wird. -
Vor einigen Tagen erhielt ich auch ein Schreiben des Landraths aus H., der mir mittheilt, daß mein Immediat-Gesuch abgelehnt sei, und ich auf eine jährliche Unterstützung zur Zeit nicht rechnen dürfe. Da die Antwort solange auf sich warten [strikethrough:] lassen [/strikethrough] ließ, hatte ich offen gestanden, auf günstigen Bescheid gehofft, war also sehr enttäuscht und niedergeschlagen, aber was dagegen thun?? Sich fügen und das Unabänderliche mit Würde tragen, wenn es auch oft im Leben uns schwer und hart erscheint. Aber es muß doch wohl so, und nicht anders, gut für mich sein, wir kurzsichtigen Men=schen wissen ja selbst oft nicht, was zu unserm wahren Heil dient, darum will ich auch mit frischem Muth vorwärts schauen und mit Gott=vertrauen der Zukunft entgegen gehen. -
Das ganze Westarpsche Haus grüßt Dich mit mir recht liebevoll und herzlich, wir haben am 27 ten recht lebhaft Deiner gedacht, nochmals ein frohes, ungetrübtes Lebensjahr Dir recht wünschend, verbleibe ich in alter Liebe und Treue stets Deine
Schwester [roman:] Emilie! [/roman]
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Ich hoffe recht bald Günstiges über Dein Ergehen zu hören!!
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Letter metadata




