Collection: Hilgard Letters
Author: Theodor Erasmus Hilgard
Recipient: Maria Dorothea Engelmann (Hilgard)
Description: Letter from Theodor Hilgard to his mother Maria Dorothea Hilgard, February 1837.
Original text
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Copie
Belleville, Mitte Februars 1837.
Liebste Mutter.
Ob schon ich diesmal meinen Termin um einige Wochen überschritten habe, so
werden Sie doch gewiß, deßwegen nicht ungehalten über mich seyn, da ich bisher
im Schreiben so brav gewesen bin. Ich hatte in der letzten Zeit viel in meinem
Walde zu handthieren; denn ich baue eine Scheuer und habe unserm Freund
Adam bei der Fällung und Herbeschaffung das dazu nöthigen Bauholzes fleißig
geholfen. So verging unvermerkt die Zeit, ohne daß ich dazu kommen konnte, mit
meiner lieben Mutter das gewöhnliche Plauderstündchen zu halten.
Wir sind noch immer frisch und gesund, sammt und sonders, groß and klein, alt und
jung. Dieser Tage stellten sich einmal nach dem Abendessen, auf Veranlassung
eines Scherzes, alle unsere Kinder in die Reihe nach der Größe und machten eine
sogenannte Orgelpfeife. Da ging den beiden Alten recht freudig das Herz
auf bei dem Anblick dieser neun paare frischen, rothen Wangen, die in
einer Linie vor ihnen standen, und sie gaben es sich einander durch einen leichten
Händedruck zu verstehen. Dann und wann ein leichter Schnupfen, oder eine Anwandlung
von Zahnweh bei der Mama, bei Emma oder bei mir selbst, ist so ziemlich
Alles, was bisher den guten Gesundheitszustand in unserm Kreise auf Augenblicke
störte. Das Wetter war diesen Winter hindurch —namentlich seit Weihnachten,
ausgezeichnet schön und mild. Es sind hier in Winter wie in Sommer
die hellen Tage vorherrschend, und doch war die Kälte im Durchschnitt ungemein
gemäßigt. Den Tag über stieg sogar oft die Temperatur allmählig auf 10 - ja
bis weilen auf 15-16 Grad Wärme (Raum.) Kurz, dieser Winter war so —
wie er unter demn 68ten Breitengrad von Recht wegen immer seyn sollte
und da wir nun schon fast die Mitte Februar erreicht haben, so hoffen
wir, daß es dabei sein Bewenden haben werde, obschon man auch hier, wie
in Deutschland, dem Februar nachsagt, daß er bisweilen sehr strenge Launen
habe. Es herrscht im allgemeinen Vergnügen über dieses gute Wetter,
und bei vielen Ansiedlern, die erst einige Jahre hier wohnen und einige
harte Winter durchgemacht haben, gewinnt nun die Meinung wieder Raum,
daß milde Winter die Regel und strenge Kälte nur die Ausnahme bilden.
Die ältern Bewohner des Landes behaupten das immerhin; aber freilich kan man ihnen
nicht in allen Stücken unbedingt Glauben schenken, besonders was Lob und Preisen
des Landes betrifft. Nur eine schlimme Seite haben diese hellen und warmen Tage:
sie machen nämlich die Erde, die in der Nacht, doch gewöhnlich etwas gefriert,
immer am Tage aufthauen, und veursachen dadurch nun argen Roth,
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der den Wege fast den ganzen Winter hindurch sehr schlecht macht. Daher kommt
es denn auch, daß Verwandte und Freunde trotz dergeringen Entfernung ihrer
Wohnungen, sich den Winter über seltener einander besuchen können, als man
wohl denken sollte. Überhaupt, ist von den Wegen, dieses Landes nicht viel
Rühmus zu machen. Ich habe sie zwar im allgemeinen viel gebahnter und
besser gefunden, als ich mir sie dachte; allein da von eigentlichen Kunststrasen
hier keine Rede ist, so sind sie, gleich den Feldwegen in Deutschland,
nur bei trockenem Wetter gut und angenehm, bis Regen oder Hauwetter
hingegen oft bodenlos.— Was ich aber von der Schwierigkeit, sich im Winter
gegenseitig zu besuchen, gesagt habe, ist jedoch nicht so zu verstehen, als
leide dadurch den Freudschaftlichen Verkehr sehr wesentlich. Es vergeht doch selten eine Woche,
ohne daß wir einen oder den Andern unserer lieben Verwandten bei uns sehen, oder
einen Besuch bei ihnen machen; die hiesigen Pferde sind den tiefen Koth und alle andern Gräuel
schlechter Wege gewohnt und tragen ihren Reiter leicht und sicher durch alle Fährlichkeiten,
bei Tag und Nacht. So wohnte ich neulich dem Geburtstagsfeste der Tante Engelmann bei,
denn ich will hier en passant bemerken, daß die deutschen Familien unseres Kreißes
die löbliche Sitte, dergleichen Familienfeste zu feiern, keineswegs aufgegeben haben, so
wie auch auf Weihnachten das Chrittindlein nach alter Weise bescheert, und auf Ostern
der Hase seine bunten Eier ins Grün legt. Ich traf die Tante in zahlreicher
Umgebung von Söhnen, Töchter, Schwiegersöhnen und Freunden: Sie saß mit freude
strahlenden Gesichte auf einem alten Canapé — welches ihr Schwiegersohn Decker eigenhändig
führ diesen Tag fabrizirt hatte, und zunächst um sie saßen ihre drei
Töchter Lottchen, Caroline und Sophie, alle drei – wie soll ich ausdrücken ohne
gegen den Anstand zu verstoßen? Alle drei viel ründer als gewöhnlich und mit
etwas matten, aber doch sehr heitern Zügen, wie die süse Hoffnung, bald Mutter
zu werden, es mit sich bringt. Nicht weniger vergnügt saß der gute Onkel
im Kreise, der nicht nur, wie von allen, die Gesellschaft durch seine guten und
muntern Einfälle erheiterte, sondern auch seiner Betty ein allerliebstes Geburtstagsgedicht
präsentirte, welches er Tage vorher, insgeheim — d. h. in seiner Werkstatt
auf der Hotelbank nieder geschrieben hatte. Die ganze Scene hatte etwas
sehr Anziehendes und Rührendes. Bald darauf war Lottchens Geburtstag, wohin
mich gleichfalls wieder der stattlicher Rothschimmel trug. Auch hier war der Kreis
der nähern Angehörigen fast vollständig versammelt, und auch hier verlebte ich einige
sehr angenehme Stunden. Von allen diesen lieben Leutchen und ihrem Leben und
treiben, werde ich Ihnen umständlicher erzählen, wenn im Lauf meiner Früher
angefangenen Schilderungen die Reihe an sie kommt.
Soweit hatte ich geschrieben, als Otto's Brief an Edward von Anfang November
nebst der Einlage des Bruders und dem herzlichen Blättchen, welches Sie, theuerste
Mutter, für Edward beilegten, hier anlangte. Diese Briefe, soweit
sie mitgetheilt wurden, machten auf uns alle den angehmsten Eindruck, be-
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sonders der Ihrige, der wieder so ganz das Gepräge der warmen, und unerschöpflichen
Liebe trägt , die Ihr Herz erfüllt. Wie wohlthuend und beglückend sind
doch solche Zeilen. Edward wird selbst ein Blättchen hier beilegen, um sie zu beantworten.
Auch Dora's Brief an ihren Bruder Theoder Jr. ist gleichzeitig angekommen,
da aber Th. gerade abwesend war — (er pflegt nämlich jetzt die Wochentage auf einer
Dampf- Sägemühle zu zubringen, welches die Firme etwa 4 Stunden östlich, von Bellevelle
erkauft hat, und nur Sonntags in Belleville und bei uns zu seyen) — so ist dieser
Brief in den Augenblick, wo ich diesen schreibe, noch nicht eröffnet. Ich wiederhole
übrigens, was ich schon früher einmal bemerkte, daß die Idee, als könne Th. Kr. selbst
seine Schwester in Europa abholen, mir völlig unausführbar zu seyn scheint, und
daß Dora sich darauf keine Rechnung machen darf. Th's Geschäfte, die täglich wichtiger
und ausgedehnter werden, nehmen alle seine Augenblicke dringend in Anspruch. Er gehört
zu den Thätigsten und geschäftvollsten Menschen in der Gegend und die Hauptleitung des
Establissements, die Buchführung &a ruht auf ihm, so daß eine solche Reise mit dem entschiedensten
Nachtheil für seine Angelegenheiten verknüpft seyn würde. Ich sage dies alles hier,
damit man es nicht etwa für eine bloße Ausflucht halte, wenn Th. in seiner Antwort,
wie ich nicht zweifle, es selbst sagt. Aus dem Briefe des Bruders hat Edward mir
die Stelle mitgetheilt, die sich auf meinen Plan, den Beutel deutscher Capitalisten für meine
neuen Landsleute zugänglich zu machen, bezieht. So gewaltiges Glück, wie der Bruder glaubt
wird er wohl schwerlich machen, obschon die Sache an sich eben so einfach als small ist. Ich fürchte
hauptsächlich, daß die Regierung der Rheinkrieger, aus Besorgniss dass einige Capitalien aus dem
Lande gehen könnten, den Plan sehr mißfällig aufnehmen und alles anwenden wird, um ihn
zu vereiteln, vielleicht sogar Verdrehungen und Veränderungen. Überhaupt bringt die
allgemeine Politik der europäischen Regierungen mit sich, daß Ihnen daran gelegen seyn muß, jede
nähere Verbindung ihrer Unterthanen mit dem freien und durch seine Freiheit so schön aufblühenden
Amerika, soviel möglich zu hindern.
Theodor Engelmann der Steinwenderer ist einsweilen in Belleville bei Flanagon & Krafft in
Thätigkeit getreten. Nach seinen Äußerungen und seiner Stimmung scheint ihm der amerikanische Umgang
ganz wohl zu behagen. Eine Bezahlung erhält er übrigens — außer Freier Kost und Wohnung —
fürs Erste noch nicht, weil er, wegen Unkunde der englischen Sprache, noch keine namenhafte
Dienste leisten kann. Ist einmal diese Hauptschwierigkeit überwunden, dann wirds hoffentlich
doch rascher gehen. Er ist übrigens frisch und gesund und besucht uns so oft er eine
freie Stunde hat. Da seine Mutter, wie ich höre, auf Ostern bei Euch einzieht, so wird dieser
Brief sie wohl schon in St. Johann antreffen. Grüßen Sie nur die liebe, gute Frau aufs
herzlichste und sagen Sie ihr, daß sie sich wegen ihres Söhnchens keine Sorgen machen soll.
Ich denke, in 3-4 Jahren wird es Zeit seyn, auch sie hierher zu holen.
Ich will nun für das bisschen Raum, welches mir noch übrig bleibt, meinen alten Text wieder
aufnehmen, und für diesmal in wenig von dem dicken Theodor und den Seinigen erzählen.
Theoder ist fortwährend ein Bild der Gesundheit, der Behaglichkiet und des innern Friedens. Obschon
er, wie jedermann, wohl auch bisweilen von geheimen Sorgen heimgesucht worden war, so erscheint
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doch davon nie etwas auf seinem heitern Vollmondsgesichte. Ich wenigstens habe ihn, noch
nie anderst als heiter und gelassen gesehen, und selbst bei unangenehmen Vorfällen
weis er sich leicht zu finden und sich weislich an die gute und tröstliche Seite der
Sache zu halten. Auch seine Frau ist in der Regel munter, vergnügt, gesprächig und allen
Anscheine nach mit ihren Verhältnissen zufrieden. Doch fehlt Ihr— wahrscheinlich von Haus
aus — das ruhige Wesen, welches für den Jahaber wie für die Umgebungen so wohlthuend
ist. Die Angelegenheit in Betreff ihrer Mutter, die ihr Gemüth unaufhörlich zu
beschäftigen scheint, mag viel hinzu beitragen. Ihr Söhnchen Gustav ist ein musterhaftes
Kerlchen, etwas klein und niedlich, aber dabei ungemein herzhaft, mit glänzend rothen Bäckchen,
krausen Locken und dunkeln blitzenden Augen. Ihr Haus ist, durch die Verbesserungen, die
Th. vorgenommen, eines der schönsten und besten im deutschen Settlement, ihr Hauswesen
wohl eingerichtet und flott. Ihre Magd Theresa — die Schwester der seligen Friederike,
hat bisher treulich bei ihnen ausgehalten, aber einen neuen Knecht hat Th. leider noch nicht
finden können. Es hatte einen jungen Deutschen, der eben erst angekommen war. für 100 Dll. jährlich
engagirt; allein als dieser nacht St. Louis ging um dort seine Sachen zu holen, wurde er abwendig
gemacht und erschien nicht wieder, wahrscheinlich weil dieser Lohn ihm, zu gering war. NS.
Auch Freund Adam ist nach Ablauf des ersten halben Jahres aufgeschlagen. Ich muß ihm jetzt
monatlich 9 Doll. geben, was im Jahre 109 Doll. oder 270 Gulden ausmacht!! Wären nicht
die übermäßig hohen Preise so mancher Dinge, und die daraus fließende stete Besorgniß
des Hausvaters, daß am Ende des Jahres eine unerfreuliche Bilanz erscheinen möchte, welch
ein herrliches Land wäre Amerika! Aber an dieser Besorgniß laboriren alle deutschen Familien
aus den gebildeten Ständen und ich selbst, bin nicht ganz frei davon, obschon ich darin
vielleicht zu ängstlich seyn mag.
Der dicke Theodor hat übrigen vor Kurzem wieder einen neuen Hausgenossen bekommen
nämlich - seinen leftigen Schwager: Wastel. Nach frühern Nachrichten glaubten wir ihn in Phiadelphia
verheirathet und als Gastwirth etablirt. Allein siehe da, er weder verheirathet
noch etablirt. Vielmehr kam er plötzlich anmarschirt in Gesellschaft eines Abentheurer, genannt
Baron von Ractinetz, der gerne eine Colonie von Deutschen nach Tamaulipas im Mexikanischen
führen möchte, um dort eine große Landspeculation zu realisiren. Wastel hatte sich zu
diesem Berufe mit ihm associirt, wurde aber durch die Einwendungen, die man ihm
hier von allen Seiten machte, zur Gesinnung gebracht und bliebt nun fürs Erste bei
Theodor. Wie lang und zu welchem Ende — das wissen die Götter.
Adieu für diesmal, beste Mutter! Grüßen Sie alle unsere Lieben nah
und fern und behalten Sie uns lieb.
Ihr treuer Sohn Th. Hilg. Sen.
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