Collection: Hilgard Letters
Author: Theodor Erasmus Hilgard
Recipient: Maria Dorothea Engelmann (Hilgard)
Description: Letter from Theodor Hilgard to his mother Maria Dorothea Hilgard, October 22, 1837.
Original text
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Gut Oakley, bei Belleville, d. 22 t Octob. 1837. (angek: am 16 t Xber)
Copie.
Theuerste Mutter!
Mein letzter Brief an Sie —vom 10t September - war aus Shawneetown datirt und wird
hoffentlich seine Reise glücklich u pünktlich zurückgelegt haben. (NB. dieser Brief ist nicht angekommen.)
Als Fortsetzung meiner Reisebeschreibung will ich nur noch bemerken, daß ich wider alles Vermuthen
zwei volle Tage auf ein Dampfschiff warten mußte, weil plötzlich, in Folge des niedrigen Wasserstandes,
ein Stillstand in der Dampfschifffahrt eintrat. Dann aber kam auch eins der stattlichsten, die ich je gesehen
u auf ihm machte ich meine Rückreise auf die angenehmste Weise. Dies war das erstemal — seit
unserer Reise von New-Orleans nach St. Louis vor etwa 2 Jahren — daß ich ein Dampfschiff bestiegen
hatte, u aus mehr als einem Grunde machte mir diese Fahrt einen unendlich erfreulichen Eindruck
als jene erste. Damals war das Herz voll Ungewißheit u ängstlicher Besorgnisse; jetzt war es ruhig
und zufrieden — ja mehr als zufrieden. Damals ging ich einer dunklen Zukunft entgegen, und es
wartete meiner kein eigener Heerd; jetzt eilte ich mit freudiger Sehhsucht einer lieben Heimath u
einer glücklichen Familie entgegen. Damals war es Winter — die ganze Natur todt, der Fluß mit
Treibeis bedeckt, – jetzt war die Jahreszeit schön, das Wetter höchst günstig, der Fluß ruhig u blau, die
Ufer grün u lebendig. Kein Wunder also, daß nun jetzt Alles ganz anderst erschein, als damals. Gottlob, Gottlob
daß die Dinge sich in diesem Sinn geändert haben, u nicht im entgegengesetzten. Bei meiner Ankunft zu
Hause fand ich Alles auf dem Besten Fuße, u den weiblichen Theil der Familie noch besonders dadurch in
die heiterste Stimmung versetzt, daß während meiner Abwesenheit eine Magd für uns aus Flonheim
angekommen war. Sie war mit der Absicht, bei uns in Dienst zu treten, von dort abgereiset, u befand sich seit
einigen Wochen in New-York, als Theodor Krafft u Fritz Hilgard auf ihrer kaufmännischen Geschäftsreise dorthin
kamen, zufällig von ihr hörten u sie uns bei ihrer Rückreise mitbrachten. Sie hat sich bis jetzt sehr gut betragen,
ist aber leider zu hübsch u zu jung, als daß wir darauf rechnen dürfen, sie sehr lange zu behalten, obgleich sie bis
jetzt von 4-5 Jahren spricht, die sie bei uns zubringen wolle. Hat doch sogar unser griesgrämiger
Pedant Adam angefangen, mit ihr zu liebäugeln, so daß sie dieser Tage ganz naiv zu meiner Frau
halte: „wenn sie wolle, könnte sie ihn einfältig machen", — wirklich kein ganz übler Ausdruck für verliebt.
Die bekommt monatlich 6 Doll. (15 Gulden) hier zu Lande ein Mittelpreis für eine ordentliche Magd.
Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schon gesagt habe, daß unsern Zweibrücker Lisbeth nur bis New- York kam, wo
sie an der Zärtlichkeit eines Hufschmieds hängen blieb. — Sorgen Sie doch, liebste Mutter, daß die
Verwandten unserer Magd — sie heißt Charlotte Philippine Mohr von so bald als möglich erfahren, das
sie glücklich bei uns angelangt u wohl u vergnügt ist. Am besten wird dies durch Pfr. Pauli in
Fronheim geschehen können, von dem sie auch ein Empfehlungsschreiben hatte – Da ich eben am
Kapitel der Dienstboten bin, so will ich noch hinzufügen, daß wir mit Freund Adam nicht mehr ganz
zufrieden seyn können. Er fängt an, mit dem Strome zu schwimmen u sich zu betragen, wie jemand
der sich für unentbehrlich hält. Dies hatte zur Folge, daß ich meinerseits die Zügel etwas straffer
anziehen mußte, die ich ihm von Anfang an vielleicht ein wenig zu sehr schießen ließ u so wird
unsere Freundschaft schwerlich mehr von langer Dauer seyn. Besonders macht er sich durch sein
mürrisches Wesen u seine Tadelsucht den Frauenzimmern unangenehm. Wenn er austritt, so bringe ich
es nicht sonderlich hoch in Anschlag, das ich mir nun schon besser zu helfen weiß, und hoffentlich ohne viele Schwierigkeit
einen andern Knecht werde finden können. Ich habe nun schon genug von der Landwirthschaft gelernt, um
dirigiren zu können; u so genügt mir künftig jeder Knecht, wenn er nur das Mechanische der Feldarbeiten
versteht. Damit will ich jedoch keineswegs behaupten, daß ich etwas Anderes sey, noch jemals seyn
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wurde, als ein Manschetten- Landwirth, d. h. ein solcher, der lieber zusieht, als selbst arbeitet, — der viel zu
schnell schwitzt, und müde wird wenn es gilt, u der mehr Vergnügen als Vortheil bei der Landwirtschaft findet,—
was mich glücklicherweise nicht zu beunruhigen braucht. Nichts destoweniger hatte ich in diesem Jahre einen Trumpf.
Denn nicht nur war meine Waizenerndte verhältnißmäßig die Beste in der ganzen Gegend, sondern ich mache auch gute
Geschäfte mit meinen Kartoffeln, die von so trefflicher Qualität sind, daß wird uns nicht erinnern, in
Deutschland jemals bessere — oder auch nur so gute — gegessen zu haben. Ich merkte im vorigen Jahre, daß dieser
Artikel sehr beliebt sey, u pflanzte daher mehr, als Andere. Auf 2 ½ Acres erndtete ich obschon die
Witterung den Kartoffeln sehr ungünstig war - gegen 250 Bushel, u verkaufe nun meinen Ueberfluß zu ½ Doll.
per Bushel (etwa 2 fl. 30 kr. das Pfälzer Malter). Besonders bitzelte es mich, daß selbst der dicke Theodor - der sich für
einen vorzüglichen Landwirth hält u es auch ist — 20 Bushel bei mir kaufen mußte. Dies sind so kleine Landmanns
Eitelkeiten — aber ich denke, sie gehören noch zu den verzeilichsten unter den vielen Eitelkeiten dieser
Welt. Ich habe Ihnen, wie ich glaube, schon gesagt, daß ich künftig dem Weinstock besondere Sorgfalt zu
widmen gedenke, da ich durch einen jungen Niedecken, der im vergangenen Frühlinge hier ankam, in den
Besitz einiger Exemplare von fast allen Sorten rheinischer Reben gekommen bin. Zwar waren die
Erfahrungen des Gegenwärtigen Jahres wieder nicht sehr günstig. Denn im Frühlinge erfroren fast überall
durch einen nächtlichen Maifrost, die jungen Triebe u Saamen des europäischen Weinstocks, und an den
wenigen Trauben, welche fortwuchsen, vertrockneten im Sommer die meisten [?]Lennern[/?] anstatt zu
reifen, – eine Erscheinung, die sich schon mehrmals gezeigt hat. Allein die Maifröste sind hoffentlich
nur Ausnahmen, u das Vertrocknen der Beeren halte ich für eine Wirkung der allzustarken und oft
sehr anhaltenden Sommerhitze, der die Traube unterliegt, wenn der Stock wie bei Onkel
Engelmann— auf einem sehr magern u sonnigen Boden steht u so gezogen ist, daß er sich nicht
selbst hinreichenden Schatten giebt. Ich hoffe bessern Erfolg, wenn ich den Weinstock auf etwas
feuchten Boden pflanze u ihn so schneide u ordne, daß er seine Wurzeln durch seine eigenen
Blätter beschattet. Man darf offenbar den Weinstock hier nicht behandeln, wie in
Deutschland, wo er oft Mangel an Sonnenwärme hat, die hier stets in Ueberfluß eintritt.
Auch wächst hier der wilde Weinstock am Schönsten und Häufigsten in Schattigen u feuchten Lagen,
was mir ein entscheidender Fingerzeig der Natur zu seyn scheint. Auf jeden Fall bin ich entschlossen, alle
Versuche beharrlich durchzumachen, u die Sache nur dann aufzugeben, wenn eine langjährige Erfahrung
jede Hoffnung abschneiden sollte. — Ich glaube jedoch an ein besseres Resultat, und eben so Onkel
Engelmann.
Am 29t. October, so weit war ich am vergangenen Sonntage gekommen, als ich durch die Zurückkunft
der Meinigen unterbrochen wurde, die einem Feste bei Vetter Ledergerber beigewohnt hatten, und
in sehr jovialer Stimmung heimkehrten. L. hat nämlich eine sehr große u schöne Scheune erbaut
u die Beendigung derselben wurde durch eine große Mahlzeit (von mehr als 60 Gedecken) in
der Scheuertenne selbst gefeiert, worauf eine Tanzparthie u. s. w. folgte. Meine Frauenzimmer —
d. h. meine Frau u ihre vier erwachsenen Töchter — unterhielten sich trefflich dort u rühmten
sowohl die Mahlzeit als die Gesellschaft u die ganze Veranstaltung gar sehr. Vetter Ledergerber
ist der eifrigste u thätigste unter allen deutschen Landwirthen hiesiger Gegend, und wird, nach
seinen Anstalten zu schließen, der schönsten u genussreichsten — wenn auch nicht einträglichsten – aller
menschlichen Beschäftigungen für immer treu bleiben, während die meisten andern Deutschen, die
nicht schon vor ihrer Einwanderung Landleute waren, sie nach u nach aufgaben, um sich irgend einem
andern, mehr Einkünfte versprechenden Industriezweige zu widmen. Ich werde hier wieder — obwohl
auf eine sehr angenehme Weise — unterbrochen, indem ich Frau Lottchen Ledergerber mit ihren zwei
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prächtigen Bübchen Friedrich Tell und Arnold (Winkelried) und unsere Belleviller Kinder auf das Hofthor
zukommen sehe, um bei uns zu Mittag zu essen, und ein extrafettes Spanferkel, das ich gestern eigenhändig
(durch einen Schuß) geschlachtet, verzehren zu helfen. Ich muß sie bewillkommen u ein wenig Toilette machen, hoffe
aber doch, meinen Brief noch heute Fortsetzen u schließen zu können. — So! Nun habe ich wieder einen freien
Augenblick, da unser lieber Besuch, zu welchem später noch Vetter Koerner mit seiner dicken, freundlichen Frau und
seinem "Theodor Koerner dem Prosaiker“ gekommen war, so eben weggegangen sind. – Als ich am vorigen
Sonntage diesen Brief anfing, gedachte ich dem hiesigen Klima eine warme Lobrede zu halten, denn wir hatten
bis dahin fast ununterbrochen das köstlichste Wetter: hellen Himmel bei milder u reiner Luft. Allein im
Lauf der vergangenen Woche sprang plötzlich der Wind nach Nordwesten um, u nun hatten wir sogleich einige
Nächte in denen das [?]Redetse[/?] Thermometer auf 4-5 Grad unter Null fiel, u die die schönen, mit
bräunlichen Schattirungen untermischten grün unserer Wälder ein Ende machten. Doch ist das Wetter noch
immer hell u schön u sehr geeignet zu dem Hauptgeschäfte dieser Jahreszeit, das Ausreiten des Waizens.
Bei diesem Geschäfte spielen meine zwei ältesten Knaben eine Hauptrolle, die den ganzen Tag zu Ros
sitzen u auf dem Reitplatze umhertraben, was unter Andern auch den Nutzen hat, daß sie bei dies
Gelegenheit tüchtig reiten lernen. Das Befinden der Meinigen, Groß u Klein, war stets
vollkommen gut, mit Ausnahme meiner Frau, die einigemal Anfälle ihres frühern Uebels - heftig
Zahnschmerzen u reißen in Kopf u Wangen — hatte, die jedoch wieder vorüber sind. — Ich wollte, liebste
Mutter, Sie könnten einmal den Kreis meiner rothbäckigen u muntern Mädchen u Knaben sehen
wenn sie des Abends sämtlich um den großen Tisch sitzen u entweder lesen, oder erzählen, oder
heitere Scherze mit einander treiben. Auch unsere Angehörigen, sowohl in Belleville, als auf
dem Lande, sind sammt u sonders wohl auf, namentlich auch Theodor Engelmann der
Steinwendener, der sehr wohlgemuth ist, uns oft besucht u dann mit großer Behaglichkeit
vor alten Zeiten plaudert u eine Cigarre um die andere schmaucht. Meine Mädchen—
Klara mit eingeschlossen, deren Körper sich kräftiger ausgebildet hat, als wir erwarten durften —
sind seit einiger Zeit gute Reiterinnen geworden, was sie hauptsächlich der Aufmerksamkeit
u galanten Leitung unseres Th. Krafft u eines H. Tyndale — eines feinen u gebildeten Amerikaners
aus Philadelphia ,der uns sehr oft besucht — zu verdanken haben, u was ihnen manche angenehme Stunde
verschafft. Meine Frau aber wagt es noch immer nicht, sich dem Rücken eines Rößleins anzuvertrauen. — Die
Nachricht, daß unsere Dora Krafft Braut sey, hat mich überrascht, aber zugleich erfreut. Ich wünsche ihr
doppelt Glück, einmal, weil sie den Mann ihres Herzens gefunden, u zweitens, weil nun ihre Reise
Am. unterbleibt. Letztere schien mir immer etwas bedenklich, u vielleicht würde sich D. hier in [illegible]
als einer Beziehung getäuscht gefunden haben, da ihre Einbildungskraft etwas stark gespannt [illegible]
So lenkt der Himmel Alles zum Besten!
Und nun, beste Mutter, leben Sie recht wohl und erfreuen Sie uns doch auch wieder einmal
durch einen Brief von Ihrer lieben Hand. Tausend herzliche Grüße an Alle. Ihr tr. S.
Th. Hilgard S.
Meinen geliebten Brüdern in Creuznach und Arnsberg meine innigsten
Herzensgrüße, und die besten Wünsche zum neuen Jahre, für sie und Alle die ihnen
Theuer sind, und die alle mit warmer treuer Liebe an mein Herz drücke.
Im Übrigen Bleiben mit uns [?]beim[/?] Alten, nicht wahr? Wird denn wohl das neue
Jahr uns wieder Zusammenführen, und Wo? — Ewig den [illegible] T.H.
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