Collection: Henry Villard Family Letters
Author: Emma Hilgard (von Xylander)
Recipient: Henry Villard
Description: Letter from Emma Hilgard von Xylander to her brother, Henry Villard, December 2, 1867.
Original text
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Montag d. 2./12. 67. Abends.-
Mein lieber Bruder!
Sehr erfreut sind wir, fortwährend so gute Nachrichten über Dein Befinden zu bekommen, u. hoffentlich bleibt daßelbe auch so gut bei der jetzt eingetretenen kalten Temperatur. - Bei Euch ist es zwar wohl viel milder, - hier haben wir [insertion:] hingegen [/insertion] seit 14 Tagen fest gefrorenen Schnee, - u. oft so kalt dabei, - daß man sich kaum wärmen kann; Tante spürt sehr die Kälte, - kann bei dieser Luft natürlich nicht ausgehen, - u. fühlt da ihr Leiden, doppelt schmerzlich; u. doch hat sie eigentlich wenig Zeit, daran zu denken, - sie ist fast nie allein, des Nachmittags u. Abends, - die Bekannten sind alle äußerst aufmerksam, finden es so behaglich bei Tante, daß sie stets gerne wiederkommen; gestern Nachmittag, - waren auch Julius u. Großmutter wieder auf länger bei ihr, - Ersterer zum 1ten Male seit Fanny weg ist; wir plagten ihn deßhalb gehörig, - so ein junger Onkel, - u. verführerische Nichte ist nicht so ohne Bedenken. - Heute, konnte ich gar nicht zu Tante gehen, - schon das 3te Mal in 8 Tagen, - daß ich so unwohl bin, - daß ich gar nichts leisten kann. -
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Die, mich, gleich Dir so plagende Migraine stellt sich jetzt lästig oft bei mir ein, - u. zwar in den letzten Tagen so heftig, daß ich fürchtete ernstlich krank zu werden; gottlob löst sich nun seit gestern die Sache in einen schauderhaften Schnupfen auf, - der heute hoffentlich den Höhepunkt erreicht hat, - denn Mund u. Nase sind so angegriffen davon, daß ich mich vor Niemand sehen lassen kann. - Trotz meinem Unbehagen, habe ich doch die nothwendigsten Gänge machen können, - die das herannahende Christfest eben immer erheischt; Ich werde suchen nach Möglichkeit Tantens Wünsche meinerseits zu erfüllen, - u. ich nebst kleinem Hand- arbeiten, - noch fehlendes in die Haushaltung, was sie sich wünscht schenken, - [insertion:] unter [/insertion] anderem auch einen Käfig mit Kanarienvogel, der in die Mitte des Blumentisches placirt wird. - von Richard, hat sie sich schöne [insertion:] geschliffene [/insertion] Gläser u. Cristalbecher gewünscht, - so wie, einen Tischteppich; von Dir, möchte sie am liebsten eine Standuhr in Bronze, - vergoldet, - nicht sehr groß. - Ich weiß nun nicht was Du für Tante auszugeben gesonnen bist. - habe aber, - als sie diesen Wunsch laut werden ließ, - mich gleich nach Uhren umgesehen, - u. recht hübsche vergoldete gefunden im Preise von 30 - 36 fl.
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Ist Dir das nicht zu viel, - so schreibe es mir bald, - ich acquirire dann eine solche Uhr, - u. Du schickst mir bei Gelegenheit das Geld, - was ja nicht pressirt. - Sie hat sonst keine Wünsche geäußert, - ob ein illustrirtes Druckwerk ihr behagen würde, - kommt eben auf dessen Inhalt an, - Du wüßtest da wohl am besten Rath, - ich meine aber, die Uhr sei ein schönes Geschenk u. das einfachste, - u. ihr willkommen, sonst hätte sie nichts davon gesagt, - ich dachte nicht daran, - u. sie sagte schon früher; "Heinrich soll mir ja keine unnöthige Kostbarkeit schenken, - das einzige was ich mögte, wäre eine Uhr. " -
Ich denke gar nicht gerne an Weihnachten, - wünsche das Fest vorbei; welcher Contrast mit dem verfloßenen Jahre wo wir alle vereint waren; gerade in solchen Stunden fühlt man ja am tiefsten die Verluste, - die uns die Zeit geschaffen, - u. wie klein ist jetzt der Kreis unserer Lieben ob Richard kommt ist noch zweifelhaft, - wenn nur nicht auch diese Hoffnung uns geraubt wird, der Lichtpunkt auf den wir seit Wochen blicken. -
Denke, lieber Heinrich, morgen sind es schon 3 Monate daß sie uns den besten Vater hinaus getragen haben, - auf Nicht mehr Wiedersehen. - Welch grauenvoller Tag; - so frisch lebt das Trauerbild der letzten Wochen des theuren Verblichenen in uns, - als wenn es gestern gewesen
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u. doch ist nun, nichts ach! gar nichts mehr von den theuren Zügen vorhanden. - Die schönen Blumen auf dem Grabe, sind gleich ihm erstorben, - kalter Schnee bedeckt die theuere Stätte; sie, werden wieder erwachen, doch ihn sehen wir nicht mehr, - nie mehr, - er, der nur Liebe u. Güte war, - ach! alles Leid, - die ganze Fülle des Jammers liegt in dem Gefühle. - Doch hinweg, - mit diesen trüben Gedanken, - laß mich zu Euch zurückkehren, - bei denen unser Gedenken so wie ist, - zu denen kommen zu dürfen, - jeder Brief, mit den verlockenden Beschreibungen mehr Sehnsucht erweckt. - Das leidige Geld, - es erlaubt es nicht; so heißt es schön vernünftig sein, [insertion] zufrieden [/insertion] mit dem, was man in seiner nächsten Nähe hat - Du fragst nach M. Esebek's Adresse, u. doch weiß ich nicht einmal ob sie schon in Paris ist; sie hat mir auf den letzten Brief, den ich ihr vor 5 Wochen nach Bamberg schrieb nicht geantwortet, u. weiß ich nun gar nicht wo ich sie suchen soll. - daß Ihr so angenehme amerikanische Freunde in Paris gefunden habt, freut mich ganz besonders für Fanny, - die sonst wohl manchmal nach ihrer Heimath, Heimweh haben mögte, - wenn Du so sehr beschäftigt bist; schade, daß Fanny nun nicht hier ist, es folgen Schlag auf Schlag, schöne Conzerte u. Opern, -
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In der Musik, sind wir doch gewiß den Franzosen voraus, - u. die Bülow's Conzerte in denen nur Beethoven verschlungen wird, - sollen wie Frida sagt, - unbeschreiblich schön sein. - Letztere, geht ganz in Musik auf, - ist nun mit Frau v. Anns sehr intim geworden, - u. täglich musiziren sie zusammen. -
Ich lasse mir von den Bekannten, - von den Genüssen, die die Außenwelt bietet erzählen, - genieße nichts daran, - u. nur, um das ewige Einerlei, - (was mein, Zerstreuung bedürfender Körper nicht ertragen kann) manchmal zu unterbrechen, - bitte ich Nachmittags oder Abends Bekannte zu mir, - höchstens 6 - 8 Personen. - Es sind mehrere Offiziere die mit uns in Nürnberg befreundet waren hierher gekommen, - u. die finden sich manchmal bei uns ein, - sehr viel auch Fleschung mit Frau, Anns, Durig etc. - auch mit Bauers komme ich häufig zusammen, - d. h. ich komme zu ihnen, - sie scheuen mit Recht meine Treppen.
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Habt ihr denn in den Zeitungen von dem grauenhaften Mord gelesen, der in der Amalienstraße verübt wurde, in demselben Hause, - wo Vater früher wohnte, - neben dem Zimmer des Hptm. Lautenschläger? Um den [Insertion:] österreichischen [/insertion] Grafen Chorinsky heirathen zu können, - hat eine junge 25 jährige Ungarn, - dessen von ihm, - getrennt hier lebenden Frau, - mit Blausäure vergiftet, kam zu dem Zwecke eigens aus Wien hierher, - wo hin sie auch unbegreiflicher Weise nach dem Morde gleich wieder rückkehrte, - u. wo sie auch arretirt wurde; ein gleiches Schicksal traf den Mann der Ermordeten, - der zur Beerdigung seiner Frau hierher kam; u. sitzt dieser Herr, - österreichischer Offizier, nun hier in der Frohnfeste. - Dieses Ereigniß bildet hier fast nur das Tagesgespräch, - u. drängt alles Andere in den Hintergrund. - Die Organisationsarbeiten sollen rüstig vorwärts schreiten u. hofft man, daß sie längstens bis Frühjahr in's Leben tritt. -
Sehr, freuen wir uns Alle auf Fanny's nächsten Brief, der uns sagen soll wie ihr Vater ankam, u. die mit gebrachten Sachen gefielen. - Mister Frank, bitte ich, wenn Ihr schreibt bestens von mir zu grüßen. - Hast Du Robert's Brief bekommen? - derselbe ging am nämlichen Tage ab, als Deiner an mich ankam. - Er sieht mit Sehnsucht der Antwort entgegen. -
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Doch nun lebt wohl , - haltet Euch auch ferner gut, - arbeite nicht zu viel, - u. sei mit Fanny von Tante, Robert u. mir bestens gegrüßt. -
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Laßt bald wieder von Euch hören, - Briefe erfreuen so sehr, - ich schreibe wenn ich Stoff habe, - doch unser derzeitiges Leben, - bietet dessen zu wenig. - Gute Nacht nun lieber Heinrich, - einen Kuß Dir u. Fanny von Eurer Emma.
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Letter metadata




