Collection: Henry Villard Family Letters
Author: Emma Hilgard (von Xylander)
Recipient: Henry Villard
Description: Letter from Emma Hilgard von Xylander to her brother, Henry Villard, March 8, 1869.
Original text
[page 1 (sheet 1, right-hand side):]
München d. 8/8 69.
Mein lieber Bruder!
Dieses Mal ist an mir die Reihe der Vorwürfe, -
Du hast uns seit so ungeheuerlich langer Zeit ohne
Nachrichten von Dir u. Deinen Lieben gelaßen, daß wir
sehr in Sorge es könnte etwas bei Euch vorgefallen sein
u. so greife ich denn zur Feder, u. bedaure auch daß
bis wir Antwort auf diese Zeilen haben können noch
so manche Woche vorüber gehen wird. - Ich persönlich
erhielt die letzten Zeilen von Dir an Weihnachten,
zugleich mit dem Wechsel, - wofür ich meinen Dank
Dir umgehend aussprach, welchen Brief Du hoffentlich
seiner Zeit erhalten hast; außerdem erhielt noch Tante
Deinen Brief mit der Anzeiche der Geburt des Sohnes, -
u. gleich darauf einen von Fanny; das war Anfang
Januar, - also seit vollen 2 Monaten sind wir
ohne jede Kunde von Euch; da Du lieber Bruder
sonst ein so gründlicher Correspondent, beunruhigt
uns das natürlich sehr, - u. suchen wir [?]Trost im
Gedanken, daß vielleicht Briefe verloren gingen
uns jeden kommenden Tag dieser Ungewissheit entreißen
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werden. - Du bist vielleicht ebenso in [?]
wegen unsres Schweigens, - doch Tante u. ich
schrieben zuletzt, - u. besonderes ereignete sich
nicht in unsrem Leben, - was Veranlaßung gegeben
Euch bälder wieder Nachrichten zu geben.
Hoffentlich seid ihr doch alle wohl, - und erfreut
Euch eines schönen Familienlebens; Fanny mit
ihren 2 Trabanten wird vollauf beschäftigt sein, u.
es würde mich sehr freuen sie einmal ganz ahnungslos-
los in ihrem fraulichen u. mütterlichen Walten beobachten
zu können. - Wie gestaltet sich der Sohn? Wie
heißt er? u. werden wir bald einmal von
dem Geschwisterpärchen eine Photographie erhalten?
Wie verlief bei Euch der Winter im Allgemeinen, -
u. wie steht es mit der Gesundheit von Fanny's
Mutter? Hat Mr. Frank fleißig getanzt?
u. ist er noch seiner alten Liebe treu? oder [?]
[?] sich ein etwa neu aufgetauchter Stern?
Wir hatten hier einen recht strengen Winter, - es
war kälter wie seit Jahren, das wäre nichts für
Dich gewesen lieber Heinrich, wer nicht hinaus
musste, blieb wohlweislich in seinen [?],
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u. selbst da fror es einen oft noch unbarmherzig;
da so blieb es bis vor 8 Tagen, - da bekamen wir einige
Frühlingstage die jedoch bald dem Schnee wieder
weichen mußten u. nun haben wir wieder Eis,
wer weiß auf wie lange. - Trotz dieses tückischen
langen Winter's war Tante immer sehr wohlauf,
machte an Weihnachten sogar zu Fuße die meisten
Einkäufe; als es dann kälter wurde saß sie wieder
mehr zu Hause, - fuhr aber häufig Nachmittags
zum Kafe zu Bekannten, - zu meiner
Schwiegermutter, Großmutter Hilgard, Frida Heintz,
Bauers [?]; sie ist wirklich sehr viel wohler, -
heiteren Sinnes, - war auch im Tannhäuser
bis 10 1/2 Uhr, - sorgt sehr für ihre Toilette, -
u. hat sich sogar eigenhändig eine Wohnung gemiethet.
Kurz sie wird statt älter, jünger u. Du wirst
Dich freuen wenn Du sie wiedersiehst, wie viel
besser sie ist. - In 7 Wochen muß sie nun also
ausziehen, - doch hat sie nicht weit, - weil ihre künftig
Wohnung, - gleich hinter ihrer jetzigen in der
Hildegardisstraße liegt, - u. auch nur eine
Treppe hoch ist. - Die Lage ist natürlich viel
weniger schön u. amüsant, - dafür die Wohnung aber
billiger, - u. gefällt sie Tante nicht, kann sie ja
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im Herbste wieder ausziehen, - im Sommer findet
man leichter hübsche Wohnungen, - von denen
diesen Winter großer Mangel war, - eine allgemeine
Plage, - die Bevölkerung hier nimmt eben gewaltig zu,
u. die Stadt selbst vergrößert sich nur langsam. -
Denke, sogar meine 4 Treppen, erstieg Tante zu meiner
großen Freude, u. trank abends mit Bekannten
Thee bei mir. - Robert u. ich waren im Allgemeinen
den Winter ziemlich wohl, - ich bin zwar durch die
große Kälte noch magerer geworden, - u. in den
letzten Wochen haben wir Beide, fast [?]
[?] Cataarh, - u. das ganze Haus, bis auf [?]
hinab hustet, - was wir aber gerne ertragen wollen,
wenn wir so durchkommen. - Unsere Bekannten, haben
den strengen Winter auch alle gut durchlebt, nur
Frau v. Bauer ist sehr viel krank.-
Die arme Pauline [?] steht mit ihrem
immer gleich kranken Mann sehr viel aus, -
u. hatte außerdem das Unglück in Zeiten
3 Wochen ihre Mutter, - u. ihren Schwager Moßbacher
in Forst, - durch den Tod zu verlieren. - Als man
ihr die heftige Erkrankung ihrer Mutter telegraphierte
reiste sie sogleich in die Pfalz, fand dieselbe aber
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nur als Leiche; sie blieb dann 10 Tage bei ihrer
Schwester, - bei der die Mutter gelebt hatte, - dann rief
sie ihr kranker Mann hierher zurück u. nach 8 Tagen
schon erhielt sie die Nachricht vom Tode ihres Schwagers
der schon längere Zeit krank war; er hinterläßt 2 Kinder,
u. doch gottlob seine Frau in pekuniär guten
Verhältnißen. - Das sind die einzigen Nachrichten
die aus der Pfalz zu mir drangen, sonst höre ich
gar nichts von drüben. -
In der Xylander'schen Familie, wird so wohl bei
Schwager Heinrich als bei Schwager Oscar im Lauf
des Sommers ein Zuwachs zur Familie erwartet; bei
Oscar dann No. 4; das Kind meines Schwagers Heinrich
ist allerliebst, - kommt öfter zu Tante, ist mit
den beiden Hundchen ganz thöricht, - u. ist so
weit voran geistig, daß er uns oft ängstlich ist. -
Emil war im Januar 8 Tage hier zum Besuche, -
er ist ein zu lieber netter Mann, - u. ich kann
nur beklagen, daß die Aussichten, daß er sich bald
verheirathen kann, - gar nicht freundlicher
werden wollen. -
[page 6 (sheet 4):]
Meine Schwiegermutter verbrachte den Winter
über aller Erwarten gut, - u. hoffen wir daß ein
Landaufenthalt sie wieder vollständig herstellt.
Rittmeister Schulze sprach ich vor einigen Wochen;
er mit seiner Familie so wie auch Marie Esebeck
leben sehr gerne u. vergnügt in Frankfurt, - wo
ihre ältesten Kinder jetzt die Schule besuchen, -
u. wo sie nun wenigstens für die nächsten Jahre
definitive bleiben wollen. -
Graf Tattenback, - sehe ich nur mehr selten, durch
seine Verheirathung wurde er in einen ganz andren
geselligen Kreis gezogen, - seine Frau ist mir
zu jung, - u. so sehen wir uns eben nur von
Zeit zu Zeit bei Besuchen. - Der hier, 8 Wochen
andauernde Carneval, hat auch uns 4 Mal zum
Tanzen verleitet; ich konnte es ohne zu große
Unkosten bewerkstelligen, u. da wir uns immer
mit Bekannten verabredet hatten, - waren
wir auch immer recht vergnügt. - Nun haben
diese Freuden ein Ende, - dafür gibt es herrliche
Theater u. Conzerte en masse, - Dinge die mich
zwar reizen aber zum Genießen für unsre
[page 7 (sheet 3, left-hand side):]
bescheidenen Verhältniße zu theuer sind. -
Unser theurer Schwager Richard, ist in Frankfurt
in seinem neuen Wirkungskreise sehr mit
Arbeit überhäuft, - was wir namentlich an
seinem seltenen Schreiben bemerken, er war
auch seit Oktober nicht mehr hier, - u. meine
Hoffnung ihn an Ostern hier zu sehen,
nennt er auch eine trügerische. -
Für heut nun meine Lieben, ist meine Weisheit
zugleich mit dem Papier zu Ende. -
Zudem ich Euch herzlich in Gedanken küsse, -
soll ich auch die besten Grüße von Tante u.
Robert sagen; sie hoffen Beide mit mir baldigst
zu hören, daß wir uns umsonst um Euch geängstigt.
Dich lieber Bruder, darf ich vielleicht noch schließlich
daran erinnern, daß Du so gut bist uns vor dem
[underline:] 30ten [/underline] April den Beitrag zur Miethe zu senden, -
u. erlaube mir auf Deine gütige Anfrage zu bemerken,
daß der Betrag für die Erhaltung der Gräber jährlich
15 fl ausmacht, - die ich aber zu zahlen gerne
bereit [strikethrough:] bin [/strikethrough] war. - am 13 d[?]. ist wieder unsrer
armen Mutter Todestag. - Adieu lieber Heinrich
liebe Fanny, - behaltet lieb Eure Emma.
Letter metadata




