Collection: Henry Villard Family Letters
Author: Emma Hilgard (von Xylander)
Recipient: Henry Villard
Description: Letter from Emma Hilgard von Xylander to her brother, Henry Villard, August 30, 1869.
Original text
[page 1 (sheet 1, right-hand side):]
München d. 30ten August 69.
Mein lieber Bruder!
Außergewöhnlich lange, hast du wohl dieses Mal nichts
von uns gehört, - das kam aber daher, - daß ich immer auf
Deinen, die Photographie betreffenden Brief wartete,
den Du uns längst angekündigt, u. der uns erst gestern
erreichte trotzdem er vom 1ten Aug. datirt ist; über das lange
Ausbleiben deßelben, - klärte uns, eine auf der Rückseite
angeklebte gedruckte Notiz auf, - lautend "aus dem
untergegangenen Postdampfer Germania geborgen",
u. allerdings zeigt auch das sehr verwischte Aussehen Deiner
Zeilen, - daß sie Wasser geschluckt. -
Robert ist zur Zeit nicht hier, - u. wird daher erst
mit Albert über Eure Entdeckungen des Fehlerhaften
nach seiner Rückkehr, - die Ende der Woche erfolgt
sprechen. - R. ist seit dem 20ten mit seinem Generale
v. d. Tann auf einer Inspektions Reise begriffen,
bleibt nach seiner Rückkehr um Manöver mitzumachen
5 Tage hier, - u. geht dann mit eben demselben in das
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bei Schweinfurt von einem großen Theile unsrer Truppen
bezogne Lager, - von wo er erst am 18ten
zurückkehrt. - Ich bin froh, daß er ein bischen hinaus
kommt, - denn wenn er auch immer dienstlich beschäftigt
ist, - so kommt er doch ein bischen aus dem hiesigen
Schlendrian hinaus, - sieht andre Menschen u. Gegenden,
was doch immer etwas erfrischt, - u. das braucht mein Gemahl
der gerne allzu sehr Philister wird. -
Was nun Tante anbelangt, so ist dieselbe vor 3 Wochen
von Rosenheim hierher zurückgekehrt, u. ist in ihrer
Umständlichkeit nun die ganze Zeit mit Zurüstungen
zu der Reise in die Pfalz beschäftigt, - wohin sie in Gesellschaft
von Frau Hagemann, - die bei Frau Orth sich auf
längere Zeit einlogiren will nächsten Donnerstag am
2ten reisen wird; Tante geht nur bis Heidelberg wo
sie bei Faller einige Wochen bleiben will, - von da
will sie dann Speier u. Lautern heimsuchen,
u. kaum vor 6 Wochen hierher rückkehren. -
Du wirst staunen, daß ich Tante nicht begleite lieber
Heinrich, - was mich dazu veranlaßt, ist lediglich der
Geldpunkt. - Du warst zwar so gütig mich schon wissen
zu lassen, - daß ich Anfang September für die [crossed out] September [/crossed out] Miethe
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von Dir wieder 175 fl zugeschickt bekomme, - eine Groß -
muth, die ich Dir nicht genug danken kann, -
aber trotzdem erlaubt es unser Finanzminister
nicht, daß ich die alte Heimath wiedersehe. - Ich sollte
nämlich die Reise in die Pfalz, - als meine Sommerfrische
betrachten, - u. außerdem ganz sparsam den Sommer
über hier zu bleiben. - Nun hatte mich aber wohl
Robert's Krankheit, - wie auch die große Hitze sehr
angegriffen, - dazu bekam meine Köchin den Typhus
mußte 5 Wochen in's Krankenhaus, - und um alle
diesen Dingen zu steuern, wollten Robert u. Tante,
daß ich zu Letzterer nach Rosenheim gehe. -
Das that ich, - da ich fühlte, daß mir Ruhe u. Luftveränderung
Noth that, denn auch, - u. blieb dort bis Ende Juli,
volle 4 Wochen. - dieser unvorhergesehene Land-
aufenthalt nun, da ich dort zu meiner Stärkung
Soolebäder nahm, - hat das für die Pfalz bestimmte
Geld, - vollständig verschlungen, - u. ohne uns in
Schulden zu stecken, - kann ich mir dieses Vergnügen
nun nicht gewähren; darf es auch nicht, - denn Robert
hatte nach Lotzbeck's Ausspruch eine Erholung
nach seiner Krankheit so nöthig u. konnte sie sich
aus obigen Gründen nicht gewähren, - wie wäre es
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sündhaft, wenn ich so viel für mich verbrauchte,
wo der arme Robert seit 2 Jahren, - nie in Urlaub
gehen konnte, - sich nie ein Vergnügen erlaubte. -
Das Leben wird eben immer theurer, - u. diese
Generalstabsuniform, - kostet fabelhaft, - trotz Deiner
großen Freigebigkeit müssen wir sehr sparen um
durch zu kommen, - u. hätten wir nicht die Aussicht
von Dir wieder im September so unterstützt zu werden, ich
wüßte nicht wie die Miethe zahlen. -
Darum, lasse ich Tante allein reisen, - pflege einst-
weilen die hier zurück bleibenden Hundchen, -
u. weiß in Frau H's Gesellschaft zu meiner
Beruhigung Tante auf der Reise gut versorgt. -
Von Richard bekam ich heute Briefe, er ist zwar böse
daß ich nicht komme, - sieht aber ein daß es vernünftig
ist, - u. will er nun so es sich irgend machen läßt,
im September, während Tante in Heidelberg, Robert
im Lager ist, - auf 10 Tage hierher kommen. -
München bietet eben so viel Schönes, - u. wimmelt
von Fremden aller Nationen; - wir haben seit Ende
Juli hier eine superbe Kunst - u. Industrieaus-
stellung [insertion] im Glaspalaste [/insertion], - u. sind bei ersterer wirklich mitunter
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superbe Sachen, - Letztere sah ich noch
nicht, doch soll sich da ein Besuch sehr lohnen.
Noch eine Ausstellung von Gemälden älterer Meister, -
ist in dem Gebäude gegenüber der Glyptothek, u.
wird auch vielfach besucht. -
Außerdem ist nun hier ein sehr guter Circus, u. ein
neues café, "café national" entstanden, -
Letzteres in der Ottostraße gelegen, - bietet durch seinen
herrlichen Garten, - wo Musikmeister Gangl am
Abend seine Weisen ertönen läßt, viel Annehm-
lichkeiten, - ist zu allen Tageszeiten von Fremden
überfüllt, u. soll ganz an die Pariser café chantantis
erinnern, - es ist das jedenfalls für München ein
großer Fortschritt, - überhaupt nähern wir uns glaube
ich doch allmählig einer Großen Stadt, - haben wir
doch jetzt auch ständige Omnibus die nach allen
Richtungen in großer Zahl die Stadt durchkreuzen,
u. durch ihre Überfüllung zeigen wie nöthig
sie bei der immer größern Ausdehnung u. Bevölker-
ung München's sind. -
[page 6 (sheet 4, left-hand side):]
Unser Theater hatte Behufs vollständiger
Umgestaltung, - Umbau der Bühne, größerer
Beleuchtung etc, - eine Pause von 2 Monaten, -
wurde erst am 25ten dhs wieder dem Besuche
geöffnet, - u. sollen die Neuerungen sehr
zu loben sein. - [crossed out] Heute [/crossed out] gestern sollte eine neue
Oper Wagners "das Rheingold" vom Stapel
laufen, u. waren, - trotzdem der billigste Platz [underlined] 5 fl [/underlined]
kostete seit Wochen alle Plätze genommen, - u.
alles schwärmte von "Rheingold" nur weil es eben
von Wagner war. - Vorgestern nun war die
Hauptprobe, - u. soll leider alle Gemüther
[strikethrough:] schm [/strikethrough] denen es vergönnt war ihr beizuwohnen,
schmerzlich enttäuscht haben; - selbst der eifrigste
Verehrer Wagner's unser König, - soll ob dieses
unklaren, unbefriedigten Machwerks sehr
unzufrieden gewesen sein, - u. Thatsache ist, daß
die gestrige Aufführung dieser Oper abgesagt wurde,
[strikethrough] u. er [/strikethrough] man hofft nur vertagt, - Viele fürchten
für immer, - was um deßwillen unerhört wäre,
[page 7 (sheet 4, right-hand side):]
da seit Monaten tausend von Händen, mit
den Vorarbeiten dazu beschäftigt sind,
u. diese Oper unsere Majestät, dies aus
ihrer Kabinetskasse zahlt, fast eine halbe Million
Kosten soll! Was hätte man für dieses Geld, Gutes
stiften können. - Fanny sage, daß die
Mallinger nun wohlbestellte Ehefrau ist, - sie hat
einen Hr. v. Schimmelpfennig v. d. Oye geheirathet, -
einen durchgefallenen Comödianten, - dessen
blühendes Äußere seine einzige gute Eigenschaften ist;
die gute Sängerin verläßt uns leider im Oktober
um ein engagement in Berlin anzutreten, - u. wir
werden schwer einen Ersatz für sie finden. -
Sonst, gibt es hier gar nichts Neues, - der Sommer naht
sich dem Ende zu, - u. die Bekannten die nach
allen Richtungen zerstreut sind, kommen allmählig
wieder in ihr Daheim zurück. -
Frida mit Gemahl, der gottlob wieder sehr auf der
Besserung ist, kamen nach mehrmonatlicher Abwesenheit
gestern wieder hierher zurück. - u. senden Euch durch
mich die besten Grüße. - von unsern Pfälzer
Verwandten u. Bekannten, weiß ich Dir gar nichts
[page 8 (sheet 3, left-hand side):]
zu vermelden; Emil war neulich auf 8 Tage hier,
er frug um Deine Adresse, wollte Dir
schreiben; wann er heirathet wissen die Götter, daß
leidige Geld, ist da auch zu schwach vertreten; recht
freundlich ist es von Dir, daß Du ihn mit einem amerik-
anischen Hochzeitsgeschenk bedenken willst, was verstehst
Du wohl darunter? - Marie Esebeck u. Schulze's sind
den ganzen Sommer in Starnberg, - sie waren schon öfter u.
plagten mich sie draußen zu besuchen, - aus obigen Gründen
unterließ ich auch das. - Sie fragen stets viel nach Euch,
u. fanden Helenchen's Photographie sehr nett, u. an
Fanny erinnernd. - Ich hoffe zuversichtlich, - daß letztere
Beide fortwährend wohlauf sind, wie auch die sonstige
Familie. - daß Du lieber Heinrich so mit diesem
Ohrensausen geplagt bist, - beunruhigt uns recht; - arbeite
nur nicht zu viel, u. tröste Dich, daß es sich mit der Zeit wieder
verliert, unser armer Vater litt ja auch so daran, - u. war
es mit einem Male los. - Am 4ten September sind
es schon 2 Jahre, daß wir den Theuren verloren haben, - ach das
sind immer schmerzliche Tage! Und nun mein Bruder
genug für heute, für langes Warten habe ich Dich nun durch
ausführlichen Bericht entschädigt. - Grüße von der
Tante, - u. Gruß u. Kuß Euch Allen, Groß u. Klein
von Eurer treuen Emma.
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