Collection: Henry Villard Family Letters
Author: Emma Hilgard (von Xylander)
Recipient: Henry Villard
Description: Letter from Emma Hilgard von Xylander to her brother, Henry Villard, October 11, 1869.
Original text
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München d. 19/10 69.
Mein lieber Bruder!
Ich mußte fast einen ganzen Monat vorüber gehen lassen, - bis ich dazu komme Dir meinen innigsten Dank für den reichen Zuschuß zu unsrer Miethe auszusprechen; würdest Du lieber Bruder uns nicht so freigebig unter die Arme greifen, - es wäre schlimm um uns bestellt, - das Halten von Pferden kostet fabelhaft viel, - u. das Leben wird in Allem u. Allem von Tag zu Tag theurer, - so daß man recht Mühe hat sich durchzu= schlagen. - Aus diesem Grunde nun, konnte weder Robert auf einige Wochen Urlaub von hier fort gehen, - noch konnte ich die Tante in die Pfalz begleiten, - u. mußte mich für dieses Jahr [strikethrough:] auch [/strikethrough] mit dem ziemlich tristen 4 wöchentlichen Aufenthalt in Rosenheim begnügen. - Dein Brief mit dem werthvollen Inhalte, - kam erst 2 Tage vor dem die Miethe zu entrichtenden Ziele an, - so daß wir sehr in Sorgen waren, - wir müßten uns irgendwo Geld borgen; gottlob, quälten wir uns umsonst, - u. ich danke Dir also nochmals auch in Robert's [insertion:] Namen [/insertion] recht herzlich. -
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In der letzten Zeit, hatten unsre gegenseitigen Briefe das Mißgeschick, sich stets zu kreuzen; so beklagst Du Dich im letzten Briefe auch wieder daß ich so lange nicht geschrieben - u. doch hatte ich einen ausführlichen Brief an Dich in den ersten Tagen des September fortgeschickt, - u. hast Du denselben hoffentlich erhalten. - Tante hingegen hat Dir wie sie mir sagte vor 14 Tagen geschrieben. - Ich wollte Dir gleich nach Empfang des Wechsels schreiben, - doch war damals gerade Richard auf 3 Wochen hierhergekommen, - u. der nahm mich fast immer in Beschlag, es gab auch in dieser Zeit so viel zu sehen, - Kunst u. Industrie Ausstellung, - dann zogen uns die herrlichen Herbsttage nach auswärts, - Starnberg, Großhesselohe etc, - kurz täglich war was anderes los, - u. da gerade in dieser Zeit Robert auf 10 Tage in dem bei Schweinfurt konzentrirten Lager war, - so war ich auch ganz auf Richard 's liebens- würdige Gesellschaft angewiesen, - u. haben wir uns wieder recht aneinander attachirt. -
Als ich dem angenehmen Plan, Tante in die Pfalz zu begleiten, - dort die Verwandten wiederzusehen, u. nach Herzenslust Trauben essen zu können, - aus obigen
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Vernunftsgründen entsagen mußte, - bat ich Richard, statt dessen hier her zu kommen, - u. das viele im Momente hier Sehenswerthe doch mit zu nehmen, zum Glück erlaubte ihm seine Zeit meiner Aufforderung Folge zu leisten, - u. kam er am 11ten September, mit dem festen Vorsatze nur 10 Tage hier zu bleiben; wie ihm das aber immer mit Wünschen ergeht, - konnte er sich nicht losreißen, - bat um Verlängerung des Urlaubs die ihm gewährt wurde, - u. so blieb er bis 4ten Oktober, - machte von hier aus einen 8 tägigen Ausflug nach Verona u. an den Garda - See, - nahm hier mit, - was sich gerade ihm bot, - u. riß mich auch mit in [insertion:] den [/insertion] Strudel hinein. - Gerade in die Zeit seines Hierseins, - fielen interessante Opern, so das berühmte Wagner'sche "Rheingold" ein noch nie dagewesenes Machwerk, - was beim ersten Male sehen, - uns was sujet u. Musik anbelangt, - ob seiner Unklarheit ganz ermüdet u. verwirrt, - was wohl wie bei all den Opern dieses Meisters bei öfterm Hören sich dann ganz verliert, - so daß man das wirklich Schöne darin doch erfaßen kann; Dekorationen u. Maschinerien sind superbe, - doch Ihr hab wohl in den Zeitungen davon gelesen, - u. auch, daß diese Oper endlich Wagner aus des Königs Gunst gebracht hat, - da wegen ihr ein
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protégé Wagner's, - Musikdirektor Richter seine Entlassung bekam. - Übrigens soll diese Oper unsren König eine fabelhafte Summe gekostet haben, - man spricht von 100,000 fl, - Niemand weiß jedoch was Bestimmtes. - Außerdem trat die Mallinger als Abschiedsrolle, - (da sie nun in Berlin engagirt ist) noch einmal in "Norma" auf, u. riß das übervolle Haus beständig zu lauten Ausrufungen des Entzückens hin. - Mit ihr, - ist der schönste Stern unserer Oper dahin, - wir haben außer der Stehle jetzt nur sehr mittel- mäßige Sängerinnen, - u. selten, daß eine Oper gut durchgeführt wird, - da auch kein ordentlicher Dirigent da ist, - der entlaßne Hr. Richter, schwer zu ersetzen sein wird. Seit Richard fort ist, - komme ich [strikethrough:] nicht [/strikethrough] höchstens alle paar Wochen einmal in's Theater, - die Preise darin sind so erhöht daß [insertion:] in [/insertion] jeder größeren Oper ein Sperrsitz 3 fl kostet im "Rheingold sogar 5 fl. - Da war es doch noch schöner wie Ihr lieben Geschwister hier wart, - u. ich wünschte recht, - wir könnten wieder einen Winter zusammen verleben. - Heute, ist wieder ein trauriger Erinnerungstag, - Vater's Geburtstag, - ich war schon in der Frühe draußen bei seiner Ruhestätte, - u. hab sie mit frischen Kränzen geziert, - daß einzige was ich noch für den besten der Väter thun kann. -
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Es scheint durch das, durch Richard's Hiersein bedingtere, - beengtere Leben, oder durch Erkältung, - habe ich mir schon 3 Wochen lang, ein schlimmes Augenleiden zugezogen, - das ist auch die eigentliche Ursache meines Schweigens, - da mir bis gestern Dktr. Lotzbeck, jede Art Correspondenz verboten hatte. - Mein rechtes Auge würde plötzlich entzündet, - noch während Richard hier war, u. bildeten sich dann dicht am Augapfel 2 Geschwüre, - die täglich mit Höllenstein getupft wurden um ein weiter Schreiten zu vereiteln; dann mußte ich das Auge baden, - durfte weder, arbeiten, lesen noch schreiben, ach! es war trostlos, - 5 Tage mußte ich ganz zu Hause bleiben bis die Entzündung beseitigt war, - nun sind die Schmerzen vorbei, ich sehe wieder, - gehe täglich aus, - doch ist noch ein Flecken im Auge, - der noch immer mit Höllenstein gebrannt wird; u. gestern sprach Lotzbeck die Befürchtung aus, daß ich daßelbe nun auch an's linke Auge bekomme; ich hoffe es bleibt bei der Befürchtung, - denn ich muß gestehen Augenleiden sind sehr qualvoll, - da man so ganz unthätig sein muß. - Ich darf doch jetzt ein bischen lesen, - u. hie u. da schreiben, - aber bei Licht darf ich noch gar nichts thun, - u. muß auch namentlich die Sonne meiden. -
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Das Jahr 1870 darf für uns schon besser werden, - zuerst Robert's Blattern, - nun meine Augen, - da wird unser ganzes Geistgeschenk dem Arzte in die Tasche wandern. - Robert ist gottlob jetzt recht wohl, - so wie auch Richard, - der Letztere wollte Dir noch in diesem Monate schreiben. - Du schreibst in Deinem letzten Briefe gar nichts über Dein Befinden, u. hoffen wir, daß das ein gutes Zeichen ist; es ist ein großes Glück für Dich daß Fanny so wohlauf ist; - u. allen Strapazen mit dem Kinde so trotzt, - nun liegt wohl das schlimmste hinter Euch, - u. das heranwachsende Töchterchen macht Euch gewiß große Freude, - wann werden wir daßelbe wohl mal sehen, - u. Fanny wieder in ihre dicken Backen kneipen können? Spricht dieselbe denn noch manchmal deutsch, - u. wird die kleine Helene daßelbe auch erlernen? Was machen Mr. Frank's Herzensangelegenheiten, - u. reitet derselbe manches Mal? Mir wird dieses Vergnügen selten zu Theil, - u. jetzt ist es mir für lange verboten, da ich wegen meiner Augen, jede Erhitzung vermeiden muß. -
Tante weilt noch immer in Heidelberg wo es ihr so gut gefällt, daß sie erst ganz Ende dss. Monats rückkehren will;
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Einstweilen sind die Hundchen mir anvertraut, u. so lieb ich sie habe, - geniren sie mich ob ihrer Untugend des Bellen's doch manches Mal sehr. - Tante mußte ich die unangenehme Botschaft sagen, daß sie in ihrer Wohnung um 70 fl gesteigert wurde, - also fernerhin 500 fl zahlen müßte, - da sie das nicht wollte, - kündigte sie die Wohnung auf, u. ist dieselbe nun schon ander- weitig vermiethet; jetzt heißt es wieder eine andere suchen, - daß das für Tante nicht leicht ist, davon habt Ihr Euch hier selbst überzeugt, - da jedoch Tante nun so wohl ist, daß sie ausgehen, Treppen steigen kann, - kann sie mit mir Rundschau halten, - u. finden wir bis Ende April nichts bis wohin Tante ausziehen muß, - stellt man eben die Möbel in ein leeres Lokal, - u. Tante geht die Sommer- monate auf 's Land oder nach Heidelberg bis nächsten Herbst, findet sich dann leicht etwas, - unangenehm ist die Geschichte immerhin, aber sie theilt daß Schicksal vieler den fast allgemein werden die Miethpreise höher, - u. wir wollen Gott danken wenn wir ungerupft durch kommen. -
Rittmeister Schulze mit Familie u. Marie Esebeck, die bis jetzt in Starnberg waren, sind nun definitive nach Frankfurt übergesiedelt, - wo ihre Kinder nun die Schulen besuchen werden; bei ihrem nämlichen Hiersein trugen sie mir viele Grüße an Dich
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auf, - deßgleichen fragt immer Emil sehr in seinen Briefen nach Eurem Ergehen, - leider hat er noch immer keine Aussicht sich zu verheirathen; - daß Ehepaar Heintz grüßt auch bestens, - seid Frida in Paris war, - ist sie noch jugendlicher geworden, - u. selbst ihr Gatte der doch so krank war, - ist verschönt daraus erstanden. - Grf. Tattenback, der nun seit 3 Monaten Ehemann ist, - ist seitdem auf Reisen u. kommt erst in diesen Tagen zurück, - ich kenne deßhalb auch seine Frau noch nicht. - Die Familie Bauer war zur Trauben- cur in Dürkheim, - ist nun auch wieder hier eingerückt. -
Bei der armen Andlböss wird es immer trauriger, - ihr Mann leidet mehr denn je, - u. es ist ein auch von ihr jetzt gehegter, allgemeiner Wunsch, - daß er bald sterben mögte, - da sein Leben zu qualvoll ist. - Bei uns kommt jetzt nach einem wunderschönen Herbst, der Winter mit Macht, - ich habe schon geheizt, - u. morgen werden die Winterfenster angemacht. -
Wir leben im Allgemeinen sehr stille, - u. ich bin so lange Tante noch fort ist, - Nachmittag u. Abends immer zu Hause, auch Robert geht nur 2 Mal wöchentlich Abends aus, - er wird immer ruhiger u. phlegmatischer. - Doch nun verlangen die Augen nach dem Schluße; seid Ihr Lieben Alle, - von uns gegrüßt u. geküßt, - gebt uns bald wieder Nachricht, - u. sei noch einmal bestens bedankt von Deiner Emma.
Mr. Frank grüße ich besonders. - Wie geht es denn Deiner Schwiegermutter diesen Winter?
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