Collection: Crede Family Papers
Author: Heinrich Carl Crede
Recipient: Hermann Carl Crede
Description: Letter from Heinrich Carl Crede to his son, Hermann Crede, April 19, 1879.
Original text
[roman:] Cassel [/roman] Provinz [roman:] Hessen-Nassau / 19 April 78. [/roman]
Mein lieber [roman:] Hermann! [/roman]
Deinen lieben Brief vom 27t. v. M. haben wir am 16t. d. erhalten. Es hat uns unendlich erfreut, nach so sehr langer Zeit / Dein letztes Schreiben war vom [underline:] [roman:] 8t. März v. J. [/roman] [/underline] / wieder von Dir zu hören, daß Ihr Alle wohl auf u. gesund seid. In jedem Briefe versprichst Du öfter zu schreiben, leider aber geschieht es nicht u. müssen wir noch froh sein, wenn wir im Verlauf [underline:] eines ganzen Jahres einmal [/underline] Nachricht von Dir haben-, gewiß nicht recht, wenn Du bedenkst, daß Du vielleicht in nicht so ferner Zeit Deine Eltern nicht mehr mit Deinen Briefen erfreuen kannst_. Obgleich ich - mein rheumatisches Leiden abgerechnet_ für mein Alter / nahe 67 J. / noch rüstig bin, so fühle ich dennoch die gewöhnlichen Beschwerden des Alters herannahen, namentlich kann ich stärkere Fußturen zB. nach [roman:] Kaufungen [/roman] u. zurück in einem Tage nicht mehr machen. Deiner guten Mutter hat es den vergangenen [insertion:] Winter [/insertion] gar nicht gut ergangen, sie hatte Brustleiden mit einem bösen Husten u. ist erst seit einigen Tagen nach [roman:] ca 4
[page 2:]
4 [/roman] Monaten wieder ausgegangen. Bei dem nunmehr eingetretenen schönen Wetter hoffe ich, daß sie sich bald wieder erholen wird. [roman:] Adelheid [/roman] nebst Familie gehts gut, ebenso [roman:] Theresen [/roman], die seit dem 7. d. M. mit ihrem kleinen Mädchen bei uns eingetroffen ist u. wohl den Sommer über bei uns bleiben wird. Ich bin nunmehr in den Hafen der Ruhe eingelaufen. Seine Majestät der Kaiser haben mir durch allerhöchstes Rescript vom 16t. v. M. die von mir nachgesuchte Entlassung aus dem Staatsdienst ertheilt und mir zugleich in Anerkennung meiner geleisteten Dienste den Charakter als „Königlicher Kanzleirath‟ verliehen. Ich habe erreicht, was ich als Subalter Beamter erreichen konnte, Orden und Titel, worauf ich freilich nicht viel gebe, obgleich ich von vielen meiner Collegen darum beneidet werde. Mein KronenOrden ruhet sanft in seinem Etuit u. wird wohl nie auf meiner Brust getragen werden._ Mit meiner Pension ist es nicht so ausgefallen, wie ich zu erwarten berechtigt war. Als am [roman:] 1 Janr. 76. [/roman] die Königliche Generalverwaltung aufgelößt wurde, behielten diejenigen Beamten derselben, welche [underline:] nicht [/underline] zur Regierung übergingen, ihren [underline:] vollen [/underline] Gehalt als Pension
[page 3:]
Pension, ich hätte damals auch abtreten können und würde mir diese Vergünstigung ebenwohl zu Theil geworden sein, indeß fühlte ich mich noch so dienstfähig, daß ich es nicht für ehrenwohl hielt, Pension zu nehmen, ich zog es daher vor, dem Staate bei der K. Regierung noch Dienste zu leisten. Hierdurch habe ich nun ein recht schlechtes Geschäft gemacht, indem ich eines Theils durch übermäßige Anstrengung meiner Gesundheit geschadet, anderen Theils aber gegen alles Erwarten nicht gleich meinen früheren Dienstgenossen die z. Z. abgegangen, behandelt, sondern nach dem Staatsdienstgesetz pensionirt worden bin, wodurch ich an meinem Einkommen [roman:] ca 400 rt [/roman] jährlich verloren habe. Die Regierung hatte zwar in Berücksichtigung meiner früheren Verhältnisse u. meier Leistungen die Belassung meines [underline:] vollen [/underline] Gehalts beantragt, der Hr. Finanzminister hat indeß die Bewilligung als ungesetzmäßig abgelehnt, wogegen sich nichts thun läßt. Zwar steht mir noch die Appellation an S. Maj. der Kaiser offen, ich weiß indeß nicht, ob ich davon Gebrauch mache, da mir alles Suppliciren völlig zuwider ist_. Dafür
[page 4:]
Dafür also, daß ich noch über 2 Jahre alle meine Kräfte dem Dienst gewidmet habe, bin ich mit jährlich 400 rt. gestraft worden-, mag sein, ich habe die Beruhigung treuer Pflichterfüllung und werde mit dem mir verbleibenden Theile meines Gehalts von 819 rt. wohl ohne Noth zu leiden durchkommen können, da wir, Deine Mutter u. ich, durch unser ganzes Leben hin nur reelle Bedürfnisse gekannt haben._ Recht schmerzlich hat es uns berührt, daß wir auch in diesem Jahre auf Dein Hierherkommen nicht rechnen dürfen. Wir hatten uns so sehr darauf gefreut und sicher gehofft, daß unsere Erwartungen diesmal in Erfüllung gehen würden, wer weiß nun was im künftigen Jahre wieder für Hindernisse entstehen, die Dich von einem Besuch bei uns abhalten werden!_ Du meinst, es sei gar kein so verwegener Gedanke, wenn ich mich entschlösse, einen Besuch bei Euch zu machen, was aber leider bei meinem vorgerückten Alter u. meinen sonstigen Verhältnissen nicht wohl möglich ist; obgleich es meine größte Lebensfreude sein würde, Dich u. [roman:] Wilhelm [/roman] mit den Euren
[page 5:]
zusammen zu sehen-, ein Glück was mir für dieses Leben nicht beschieden sein wird_. Du schreibst, daß in der Kürze ein [roman:] W. Bertels [/roman] die Reise hierher machen würde, möge er sein Versprechen uns zu besuchen halten, wir werden uns sehr freuen durch ihn von Euch zu hören &. soll er uns recht willkommen u. freundlichst aufgenommen sein._ Deine Reise zu [roman:] Wilhelm [/roman] wirst Du hoffentlich ausgeführt haben u. uns über dessen Verhältnisse demnächst ausführlich schreiben. Ich bedauer, daß Ihr Euch trotz der geringen Entfernung - wenn ich nicht irre, nur eine halbe Tagreise zu Pferd-, so selten besucht; obgleich ich mir leicht denken kann, daß Ihr Beide wohl stets recht viel Arbeit habt, so dürften doch eure gegenseitigen Bedürfnisse so selten sein-_ Für Deine jagdlichen Mittheilungen besten Dank. Bezüglich der Jagd auf Hirsche bin ich mit Dir dahin vollkommen einverstanden, daß es unstreitig das größte Vergnügen gewährt, das Wild auf dem Pürschgang zu erlegen, abgesehen davon, daß das Wild[insertion:] pret [/insertion] von einem gehetzten Thiere nie so gut [strikethrough:] ist [/strikethrough] u. die Hätze gewissermaßen eine Schinderei ist. Du schreibst nichts von Klein wild,
[page 6:]
wild, als Hasen, Feldhühner, Wachteln p - hast Du dergl. nicht in Deinen Feldern? Gibt es keine Fischotter u. Dachse dort? Dein Vetter [roman:] Conrad Lampmann [/roman] hat im vorrigen u. diesem Jahre einige Dachse in Hohlfallen in der Aue gefangen, die er mir zum Präsent machte u. die uns recht gut geschmeckt haben, obgelich hier solche von Niemanden verspeißt werden, was eine große Thorheit ist. Das Fleisch wie anderes Wild gut zu bereitet, schmeckt dem Rehwild sehr ähnlich._ Ich hätte jetzt die beste Zeit u. auch Gelegenheit Jagden zu machen, doch ist mein Auge und Hand nicht mehr sicher genug, abgesehen davon, daß ich größere Strapazen nicht wohl mehr machen kann._ Mit großer Freude vernehmen wir von Dir, daß Du mit Deinen Sohn [roman:] Carl [/roman] so wohl zufrieden bist, gibt es ja kein größeres Glück, als gute brave Kinder zu haben_. Die Photographien von Deinen beiden jüngsten Söhnen haben uns ebenso überrascht als erfreut, es müssen ein paar hübsche kräftige Jungen sein, wenn man den älteren betrachtet, so glaubt man Dich in Deiner früheren Jugend zu sehen._ Deine Tante [roman:] Louise [/roman] in [roman:] Kaufungen [/roman] geht
[page 7:]
geht es noch gut. [roman:] Therese [/roman] u. ich werden sie in der Kürze besuchen u. werde ich dann nicht versäumen, Deine Grüße auszurichten, wenn Du ihr mal einige Zeilen zukommen lässt, so würde sie sich unendlich darüber freuen, da sie mit großer Liebe an Dir hängt._ Deine Grüße an [roman:] [?] Jh [?] Holting [/roman] habe ich bestellt, er läßt solche freundlich erwiedern u. freute sich, daß Du seinen noch gedachtest. [roman:] Holting [/roman] ist leider von einem SchlagAnfall betroffen u. in Folge dessen außer Dienst. Die Realität besteht noch gleich früher. Das Schulwesen hat indeß so großartige Dimensionen genommen, daß an 8 prachtvolle Schulbauten stattgefunden haben. Die Seelenzahl Cassels hat sich seit 1831 nahezu verdoppelt / jetzt [roman:] ca. 55, 000 /. Es haben so bedeutende Neubauten stattgefunden daß Du an vielen Stellen Cassel nicht wieder erkennen würdest. Trotz alledem stehen die Wohnungen in hohem Preise. Wir finden uns veranlasst zu [roman:] Michaeli d. J. [/roman] unsere Wohnung zu verlassen u. werden schwerlich eine solche unter dem Preise von 350 rt. jährlich finden / d. J. für meinen Schwiegersohn u. mich /. Mit Vergnügen entnehme ich aus Deinem Schreiben, daß Du einen guten Viehstand hast, was dagen[1] die Preise
[page 8:]
Preise der Producte anlangt, so sind solche so äußerst gering, daß sie kaum die Mühe lohnen-; die hiesigen Preise aller Lebensmittel übersteigen die eurigen nahezu um das [underline:] Vierfache [/roman]._ Du beabsichtigst nach Ablauf Deiner gegenwärtigen Dienstzeit ein Amt nicht wieder anzunehmen, ich hatte mir gedacht, daß es weit lohnender sei, dennoch ist es eine Beisteuer zum Hauswesen, die nicht zu unterschätzen ist u. wird deren Ausfall immerhin empfindlich für Dich sein._ Im geschäftlichen Leben geht es hier, wie überall erschrecklich flau, dagegen die Steuerlast fast unerträglich, wozu hauptsächlich das große stehende Heer das Seinige beiträgt. Es vergeht fast keine Woche wo nicht Concurse vorkommen, so staunte kürzlich alle Welt, daß das alte bedeutende Banquierhaus „Gebrüder [roman:] Pfeiffer [/roman] ‟ fallierte, der Inhaber wollte es nicht überleben u. hat sich erschossen. Wenn nicht bald ein bedeutender Umschwung stattfindet, der wieder Vertrauen in die Welt bringt, so sehen wir schrecklichen Zuständen entgegen._ In der sicheren Hoffnung recht bald u öfter als bisher von Dir Erfreuliches zu hören, verbleibe ich mit den besten Wünschen für Euer Wohlergehen. Dein treuer Vater
Adresse „Kanzleirath Credé ‟
Footnotes
- ^ "dagen" = "dagegen"
Letter metadata








