Collection: Benecke Family Collection
Author: Frieda Amerlan
Recipient: Josephine Amerlan (Benecke)
Description: Letter from Frieda Amerlan to her sister Josephine Benecke, November 18, 1884.
Original text
Stettin d. 18.11.84 Löwestr: 14.
Mein armes, liebes Finchen!
Mit inniger Betrübnis haben wir soeben Hugos Brief gelesen, der uns die Kunde brachte von dem schweren Verlust, der Euch arme Eltern abermals betroffen hat: Zwar seid Ihr ja noch immer reich im Besitz Eurer fünf andern lieben Kinder; aber so ein Stück von seinem Herzen hingeben zu müssen bleibt trotzdem ein furchtbar schwerer Schlag, den man wohl äußerlich - aber inner- lich ja nie verwinden kann.
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Und daß grade Waldo so ein prächtiger, rechter Herzensjunge war, zeigt schon uns sein Bild, auf welchem ihn alle liebgewonnen, die ihn [insertion:] hier [/insertion] sahn; u. daß er so artig u. liebenswürdig war, wie Hugo schreibt, u. Euch nie auch nur einen Augenblick Kummer gemacht hat - - das vertieft jetzt gewiß nur Euren Schmerz. Aber später, mein geliebtes Finchen, wenn Dein kleines baby zu Deinem Trost u. Deiner Freude heranwächst, dann wird Dir dies alles eine süße heilge Erinnerung werden; u. es wird dir eine wehmütige Genug- thung sein, in dem neuen kleinen Brüderchen lieb Waldos Herzensgüte
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zu warten u. zu pflegen; und [insertion:] all [/insertion] seine guten Eigenschaften im baby aufs neue lebendig werden zu sehn. Und wenn Dir all solche Gedanken jetzt noch zu fern liegen, u. Du meinst, Dein Weh nicht überkommen zu können - denke an die arme Toni Allstädt, die nicht einmal die nicht einmal die traurige armselige Genugthung hat; ihrem Schmerz u. ihre Erinnerung an ihren teuren Verstorbenen in stiller Weise haben zu können; die im Gegenteil grade mit und durch diesen Verlust eine so große Verantwortlichkeit für alle Zeit auf sich geladen fühlt, u. die grade jetzt durch die bittre Notwendigkeit unendlich vereinfachten Lebens, u. durch
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allerlei amtliche Formalitäten u. Termine dem Trubel des Alltags- lebens viel näher treten muß als sonst wohl.
Am Sonntag besuchten uns Griebens auf einen halben Tag; wir ahnten noch nichts von Hugos Brief, u. teilten ihnen nur deines babys Ankunft mit, über die sie sich herzlich freuten, u. die ihm Gedeihn u. gute Besserung wünschen ließen! Und mit demselben Wunsch schließe auch ich für heut, mein ge- liebtes Finchen; u. sende besonders herzliche Grüße Deinen beiden lieben Mädchen, die in ihrer Verständigkeit Dich gewiß recht pflegen; u. Dir, wirtschaftlich u. hülfsbereit, jede häus- liche Sorge abnehmen. - Gott segne Euch Alle!
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In aufrichtiger Teilnahme u. herzlichem Mitgefühl grüßen Dich u. Deinen lieben Mann Vater sowohl wie Deine tr. Frieda A.
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Auguste trauert von neuem mit Dir; sie will Dir selbst schrei-
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ben u. sendet für heut durch mich nur vorläufigen Gruß.
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An Hugo gleichfalls beste Grüße u. dank für s. Brief.
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Letter metadata




