Collection: Benecke Family Collection
Description: Benecke family letter, September 2, 1886.
Original text
[roman:] Stettin d. 2.9.86. Löwestr: 13. [/roman]
Liebes Finchen!
Wenn dieser Brief mit einem Wollen u. meinen Gedanken Schritt hält, trift er grade zum 16ten bei Dir ein, um Dir unser Aller Glück=wünsche zu Deinem Geburtstage zu bringen.
Möge das neue Lebensjahr Dir jeden Kummer fernhalten, u. Dich doppelte Freude in Deinen Kin=dern erleben lassen, um Dich für die Trübsal des vergangenen zu entschädigen. Besonders muß [roman:] Ruby [/roman] seinem stralenden Namen Ehre machen, u. ebenso rosig werden, wie er rundlich auf dem Bildchen ist.
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Dein letzter lieber Brief traf vor etwa acht Tagen hier ein. Augusten hat Deine warme herz=liche Teilnahme sehr wolgethan. Mir that es leid, daß ich Dir so unmittelbar danach nun auch noch die Trauer nachricht aus Erfurt geschickt hatte. Ich hatte nicht bedacht, daß Du den kleinen [roman:] Ruby [/roman] noch nährst - hoffentlich hat es Dir nicht geschadet! - Unrecht aber war es von Dir, zu bedauern, daß Du in Deinem vorigen langen Brief so viel von Euch geschrieben hast; u. Dich deßhalb als egoistisch anzuklagen. Ich finde, grade wenn man solchen großen
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Schmerz erfahren hat, u. einem nach solchem Verlust die ganze Welt so leer verkommt - grade dann thut es einem gut, von andern Lieben zu hören; u. zu fühlen, daß man ihnen wenigstens im Geist, im treu=en Gedenken noch etwas sein kann. Dir ist ja das Glück beschieden, für Deinen Mann u. Deine Kinder noch sorgen u. danken zu dürfen; in dem Gefühl Deiner Liebe für sie Deinen Kum=mer zu lindern. Unsre arme Auguste hat nur noch ihre Kinder - u. Albert ist ganz allein. Freilich ist er ein Mann, Näheres habe ich noch nicht von ihm ge=hört; wir wissen nur, daß er im Manöver ist, u. danach bei Griebens erwartet wird. Dort wird ihn Herz- gebrechen
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wahrscheinlich sehr. Derselbe flüchtet nämlich Ende d. M. zu Tante Alma, um hier dem Umzugswirrwarr zu entgehn. Schrieb ich Dir schon, daß vom I October unsre Adresse sein wird: Stettin, deutsche Straße 54 1 Tr. h. / Wir haben dort (auf demselben Flur liegend) zwei passende u. freundliche Quartiere gefunden für Auguste u. uns; u. versprechen uns manches Behagen von dem nahen Zusammen- wohnen, besonders auch für Vaterchen. Zugleich wollen wir - um Haushaltungs- kosten u. Umstände zu vereinfachen - zusammen essen, u. zwar bei uns. Auguste wird sich kein Mädchen halten. -
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Liebes Finchen, eigentlich ist dieser Brief für die weite Reise u. die feierliche Gele- genheit noch lange nicht inhaltreich genug; aber ich bin wirklich nicht im Stande mehr zu schreiben. Die kleine Marta, Onkel Karls jüngst die in den letzten drei Wochen von Zukunftsplä- nen überstürzt - erst barmherzige Schwester worden, - dann
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ein Putzgeschäft kaufen wollte, (wozu ihr aber das Geld fehlte) dann zu Anna v. [?] König [/?] [strikethrough:] gen [/strikethrough] als Famulus ging, um später Zahntechnik zu lernen; inzwischen auf die Idee kam Masseuse zu werden; u. dann wieder als Schwester vom roten Kreuz bei Prof. Esmarch in Kiel studieren
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wollte, hat mich mit ihrer Korrespondenz halb tot gemacht. Auch ich bin nicht mehr so kräftig wie früher. - So leb denn wohl für heut; grüße Deinen guten Mann; die Kinder und auch die Brüder herzlich von uns beiden; u. sei Du tausend mal gegrüßt u. geküßt von Großpapa und Tante Friedchen.
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Letter metadata




