Collection: Benecke Family Collection
Description: Benecke family letter, June 22, 1887. The conclusion of the letter is missing.
Original text
Stettin d. 22.5.87.
Deutsche Str: 54.
Liebster Joseph!
Da wir beide uns gewöhnlich nichts vorzuwerfen habe, denke ich, wir schließen einen Pact, wonach wir uns die Entschuldigungen wegen des langen Schweigens "schenken" u. nur durch Aner- kennung der Thatsache unsre Reue aus- drücken. Wenn wir dann außerdem um so ausführlicher erzälen, was uns in der Zwischenzeit beschäftigt hat, scheint mir das für den Empfänger besser u. vergnüglicher als unfruchtbare Beteu- rungen, denen gewöhnlich doch keine Besserung folgt! Mit meinem Arm ist's in der Zeit gegangen, wie es ver- mutlich auch mit diesem Brief werden wird: zuerst gut d. h. so lange ich ihn nicht anstrenge u. nach jeder Arbeit mehr oder min- der miserabel, bis er sich über Nacht wieder
geruht hat
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Daß mir dabei Eure Nachrichten über die Schreibmaschine höchst interessant waren, kannst Du Dir denken; u. besonders war ich Louis für seinen [roman:] Type-writter [/roman] Brief sehr dankbar. Alle Vorzüge solcher Maschine sind mir sehr einleuchtend, bis auf - den Preis. Meine Arbeiten bringen mir doch zu wenig, als daß ich je daran denken könnte, mir denselben zu ersparen. Innerhalb Jahresfrist hatte ich etwa 100 Mark zurück gelegt; - freute mich dieselben für den Anzug parat zu haben, wenn es nach Angermünde geht; - kam eine Hochzeitseinladung, u. siehe da! meine armen 100 M. mußten für Kleid u. Geschenk wegspringen!
Aber nach Angermünde gehts nun bestimmt zum I. October d. J. Vaterchen u. ich beziehn die Griebensche Unter- wohnung, Du sie damals (als wir jung) selbst inne hatten. Den Hauptanstoß zu dieser abermaligen Veränderung giebt Herzvaterchens Wunsch; aber nun alles bestimmt ist, freue ich mich auch darauf in die alte Heimat, den schönen Garten u. die kleinstädtische Ruhe u. Stille zurückzukehren. Zu Pfingsten fahren
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wir Alle noch einmal auf Besuch hin; Auguste hat auf eine Annonce im Angermünder Kreisblatt sechs Wohnungsadressen bekommen, diese wollen sie u. Frida denn in Augenschein nehmen, u. wenn eine nur einigermaßen ihren Wünschen u. Mitteln entspricht, gleich- falls zum I October dort mieten. Fridel wird sich zwar an das Leben in einer kleinen Stadt erst sehr gewöhnen müssen, da sie dasselbe gar nicht kennt; aber die Trennung würde uns allen doch auch unsäglich schwer werden.
Aber nun erst zu der großen Freude, die wir Anfang [roman:] Februar [/roman] gehabt haben: Denke Dir, wir haben unsern Bruder Albert nach 22 jähriger Abwesenheit wieder- gesehn! Die argentinische Regierung errichtet in Europa sieben [strikethrough:] sogeg [/strikethrough] sogenannte Handels- stationen, u. es ist ihm gelungen an einer derselben (Wien) die Stelle als geschäftsführender Secretär zu erhalten. Sobald sein Kontract unterschrieben war, trat er die Reise nach hier an, u. gewann so 4 Wochen für uns, da sein Chef sich erst nach dieser Zeit dort einschiffte. - Es war in der Nachmittagsdämmerung als er bei uns [insertion] klingelte, aber [/insertion] Herz-
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vaterchen erkannte ihn doch gleich, trotzdem wir keine Ahnung von seinem Kommen hatten. Um Vaterchen nämlich unnötige Aufregung zu ersparen, hatte er uns den ganzen Plan erst mitgeteilt, als die ihm die feste Zusage geworden. Und da er selbst drei Tage danach abreiste, überholte er seinen Brief um 24 Stunden. Unsre Freude war groß, das kannst Du Dir denken. Äußerlich hat er sich natürlich sehr verändert, er hat eine zierliche Glatze u. ist überhaupt viel häßlicher geworden. Innerlich ist er aber noch ganz der alte: sorglos, aufbrausend, ein wenig bequem, u. mit sich u. der Welt zufrieden sobald er eine lange Pfeife im Mund u. einen ordentlichen Schmöker vor sich hat. Rührend ist seine Anhäng- lichkeit an unsre Jugendzeit u. die Treu seiner Erinnerung. Er wußte aus der Zeit noch viel mehr als Auguste u. ich; u. war es sehr komisch daß er sofort das unverfälschte [?] Vermerken [/?] flott sprach sowie er auf die früheren Schulstreiche kam, während er für gewöhnlich die etwas ge- messen würdevolle Ausdrucksweise der Spanier angenommen hat u. auch manch spanische Vokabel einfließen läßt. ( Zu Vaterchens Ärger natürlich!) Von Dir sprach er auch viel; in seinen
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Letter metadata




