Collection: Benecke Family Collection
Author:
Recipient: Josephine Amerlan (Benecke)
Description: Benecke family letter, February 1, 1892.
Original text
[underline:] Angermünde [/underline] 1.2.92.
Mein lieber, lieber Joseph!
Die allerherzlichsten Glück- u. Segenswünsche Eurem jungen, neuvermählten Paar! u. nicht minder dir und deinem Mann. Möchte Euch lieben Eltern beiden die Wehmut, Eure geliebte älteste Tochter aus Eurem Hause scheiden zu sehn, reich durch die Freude vergelten werden, sie an der Seite ihres Fritz ein neues glückliches Leben, im Sonnenschein der Jugend, genießen zu sehn! Wir haben uns so
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herzlich mit Euch gefreut; erst als die enthusiasmierten Zeitungen kamen u. dann über deinen lieben langen Brief. Aber doch war uns alles noch nicht ausführlich genug: wir möchten z. B. gern wissen, ob Ihr Eltern denn nicht in der Kirche wart? Du erwähnst es nicht; u. die begeisterten Zeitungsreferenten schwärmen nur von der Jugend. Ist es etwa drüben nicht Sitte? Das würde mir Deinethalb leid thun. Daß Dora einen Schleier hat uns extra gefreut; aber was heißt [roman] "smilax"? [/roman] Im Dictionär steht "Sassaparille"; u. das nimmt man hier gegens kalte Fieber ein. Also vergiß nicht zu erklären; oder lege mir in Deinem nächsten Brief einen kleinen Zweig. - Was ist Lucy aber für eine kleine Kokette? Hat sie das von "Vater Louis" geerbt? von Dir, ehrpusslichem Martchen hat sie es doch nicht. Spricht sie nur
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ordnen u. zu sichten; zu verpacken, was er u. die andren Vettern u. Kusinen als Andenken haben woll- ten; u. den Rest möglichst profitabel zu verkaufen. Er hat ja nicht viel, der arme Karl; u. deßhalb haten wir es gern. Aber es machte gräßlich viel Arbeit. Vier Wochen lang sind wir Tag für Tag von Morgens halb neuen bis mittags um ein Uhr in der öden Wohnung gewesen. Und dabei wars so eisig kalt. -
Unsre lieben Schörße konnten uns nicht helfen, sie sind gleich nach Neujahr nach München gefahren zu Max u. Dörtchen. Dort ist die Glück- seligkeit groß. Im Frühling wird der Klapperstorch erwartet. Bei Griebens oben sieht's leidlich aus, aber doch nicht ganz gut. Tante Alma
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leidet viel an Reißen; u. Onkel fühlt sich älter werden u. möchte sich zur Ruhe setzen. Er rechnet u. rechnet; aber er findet, er kann's nicht - aus Rücksicht auf Toni u. die Erziehung ihrer Söhne, die ihm viel kosten. Ich finde er- stere müßte es nicht annehmen. Außerdem hat er augenblicklich wie- der noch besondern Ärger gehabt: sein Büreauvorsteher hat ihm mehrere hundert Mark unterschlagen. Über den Dollar für meine Frivo- litäten-Arbeit, haben wir uns alle sehr amüsiert. Das hätte ich wirklich nicht gedacht, daß diese jetzt fast ganz vergeßene Kunst, mir noch mal was einbringen würde! Hab Dank dafür. -
Für Otto lege ich einige Briefmar- ken ein; leider habe ich augenblicklich nichts besondres. Im Sommer giebt das Postamt für Deutschland neue (sechseckig, wie man hört) heraus - dann soll er die ersten haben. -
Das Unglück
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mit Dr. Brehmens Söhnchen ist ja mehr wie entsetzlich. Die armen, armen Eltern! Hast Du sie nachdem schon gesehn? - Auch die Nachricht von Hugos wahr- scheinlicher Verheiratung hat mich frappiert; u. muß ich sagen, daß ich seine Art u. Weise Euch gegenüber äußerst sonderbar finde. In was für einem Geschäft ist er denn jetzt?
Dein Bruder Albert war Weihnachten hier. Er hält sich trotz seiner Majors- würde noch sehr jung u. elastisch, u. sieht sehr gut aus.
Es ist übrigens recht schade, daß "Onkel Robert" Dora nicht im Braut- kleid photografiert hat. Er war doch früher flink damit bei der Hand. Oder war er nicht auf der Hochzeit? Und nun zum Schluß noch unsren Schreck, daß Ihr möglicherweise nach Kalifornien wollt. Dann können wir einander ja nur noch über Asien besuchen, u. [underline] der [/underline] Umweg ist doch ein bischen
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groß. Ich hoffe, Dein lieber Mann ist von seinem Fieberanfall wie- derhergestellt, u. sieht den Plan - gesund - [strikethrough:] werde [/strikethrough] anders an. Ihr seid doch immer so glücklich in Br. gewesen; u. Dora würde sich ja ihre hübschen Augen ausweinen, wenn Ihr sie verließet. - Martchen läßt Lucy extra grüßen u. ihr sagen, sie solle nur kein [roman] old maid [/roman] werden; das sei gar nicht hübsch.
Da ich Nannis Glückwünschen für Dora noch ein par Worte beilegen will, sage ich dir für heut adieu, Du mein liebes Finchen. Hoffent- lich seid Ihr Alle zur Zeit recht wohl u. frisch, Ihr Großen so wohl, wie Eure Kleinen. Von Vaterchen tausend Grüße für Euch - den neuen Sohn mit eingeschlossen; von mir aber Gruß u. Kuß (Fritzens Anteil mag ihm Dora [?] ausrichten [/?]) [illegible, 1 word] innigsten Händedruck. Deine alte tr. Schwester [illegible, 1 word]
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