Collection: Benecke Family Collection
Author: Frieda Schorss
Recipient: Josephine Amerlan (Benecke)
Description: Letter from Frieda Schorss to her aunt, Josephine Benecke, March 27, 1896.
Original text
[roman:] Ang. [/roman] d. 27.3.96.
Liebe Tante Josephine!
Durch die Uebersendung der rei=zenden Bilder Deiner Kleinen Enkelin hast Du uns eine große Freude bereitet und danke ich Dir herzlich dafür. Die beiden Hübschesten, das mit den gefalteten Händchen und jenes mit dem großen Hund haben Mama und ich behalten und die andern an die Verwand=ten [strikethrough:] ge [/strikethrough] vertheilt. Alle senden besten Dank, Tante Friedchen will näch=stens selbst schreiben. Doch nun will ich Dir von unserm und der Verwandten Ergehn berich=ten. Wir sind, Gottlob, alle gesund,
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auch Onkel und Tante Grieben trotz ihres hohen Alters. Onkel legt zum ersten April sein Amt nied. und werden ihm aus diesem Anlaß schon viel Ehrenbezeugungen erwiesen. Er ist sehr beliebt und geistig noch so rege und frisch, daß [strikethrough:] es [/strikethrough] sein Entschluß, nicht mehr zu arbeiten allgemein sehr bedauert wird. Tantchen steht mit alter Frische noch dem Hausstand vor und auch mit Hanni's Gesundheit geht es besser. Sie schriftstellert fleißig und ist uns Allen ein lieber anregender Um=gang. Tante Friedchen war seit Großväterchens Tode und nach Genesung von ihrer sehr schweren Krankheit für 2 Jahre nach München übergesiedelt, wo sie im Ge=schäft meines ältesten Bruders, der dort als Verlagsbuchhändler lebt, thätig und demselben eine große Stütze war. Seit November 95 weilt sie in [roman:] Dahme i. Mark [/roman]
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in einem neuerbauten Logen=stift, wo sie - sich sehr behaglich fühlt. Diese Stelle wurde ihr in Aner=kennung der vielen Verdienste, die sich Großvater für die Loge erworben hat, angeboten und sie nahm sie an da sie nun für ihr ganzes Leben gesichert war. Wir freuen uns sehr, Tantchen mehr in der Nähe zu haben, da sie uns nun öfter besuchen kann; Tante weiß sich überall durch ihre Güte und Liebenswürdig=keit so beliebt zu machen, daß Jeder sie gern um sich haben will. Auch im Stift ist sie das [roman:] enfant gâte [/roman]. Daß im August 1894 unsere liebe Kousine Toni Allstädt, geb. Grieben gestorben, weißt Du wohl schon. Es war ein harter Schlag für Onkel und Tantchen und mehr noch für Toni's arme Söhne die nun verwaist zurückbleiben. Wie schön, daß sie bei den Großeltern noch eine Heimath
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haben. Jetzt zu Ostern werden sie alle Drei hier sein. Auch Vetter Stephan Bugge, dessen Du Dich gewiß erinnerst, ist im April 93 gestorben. Valentin mit Frau und zwei Töchtern und [strikethrough:] Ott [/strikethrough] Tante Ottilie und Sofiechen sind nach Kiel gezogen, wohin Valentin als Intendantur-Baurath im vorigen Jahr ver=setzt worden ist. Tante Ottilie ist sehr kränklich und hinfällig. Meiner lieben Mama geht es, Gottlob gut. Wir leben hier sehr still und zurückgezogen und ver=kehren eigentlich nur mit den Ver=wandten. Jährlich einmal besuchen wir Bruder Max in München der dort sehr glücklich verheirathet ist und 2 reizende kleine Jungen hat, Albert und Helmuth. Mein jüngster Bruder Hermann ist als Forstassessor jetzt in Westpreußen thätig. Er ist un=verheirathet und besucht uns immer zu den Festtagen, und bringt
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dann frisches Leben in unsere stille Klause.
Dir, liebe Tante Josephine, Deinem Mann und lieben Kinderchen geht es hoffentlich gut, wir würden uns freuen, auch wieder Näheres von Dir zu hören. Hoffentlich schreibst Du uns mal länger. Eben fällt mir ein, daß Du vielleicht noch nicht weißt, daß Dein Bruder Albert als Oberst nach Königsberg in Preußen versetzt ist. Es geht ihm sehr gut, er besucht Griebens jährlich ein=bis zweimal. Vor einiger Zeit erhielten wir die Todes=anzeige vom alten Quehl die uns sehr nahe ging. Er übte bis zuletzt Praxis aus und war ein ungemein gescheuter
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Arzt. Noch im Januar hat er mich von einem hart=näckigen Magencatarrh befreit. Doch nun lebewohl für heute liebe Tante Josephine, sei herzlich gegrüßt von Mama und mir.
Deiner
[roman:] Frieda Schorss [/roman]
Letter metadata






