Collection: Marie Hansen Taylor Correspondence
Author: Lina Braun (Hansen)
Recipient: Marie Hansen (Taylor)
Description: Letter from Lina Hansen to her daughter, Marie Hansen Taylor, April 1, 1863.
Original text
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Gotha, den 1ten April 1863.
Meine liebe Maria!
Es ist recht lange her seit ich Dir nicht schrieb u. oft hat es mich geängstigt, daß es so ist, aber dennoch konn=te ich mich nicht zum Schreiben entschließen, die vielen Kopfweh, die ich wieder gehabt, hatten mich sehr geschwächt u. mein Gemüth war dabei so sehr gedrückt, daß ich eine Furcht vor dem Schreiben hatte. Diese Woche geht es mir etwas besser, aber schwach bin ich doch gar sehr u. es ist ein bestän=diger Wechsel mit meinen [sic] Befinden. Ich dan=ke Dir u. Deinen [sic] lieben Mann noch selbst recht herzlich für die guten Wünsche, die Ihr mir in Eueren lieben Briefen zum Geburtstag schick=tet. Daß Du u. Lilian, wie ich immer noch hoffte, nicht da sein konntet, that mir natürlich sehr leid, aber ich fand es unter den Umständen ganz ver=ständig, daß Du nicht gereist warst. Von Deinen [sic] lie=ben Mann hat es mich sehr gefreut zu hören, daß er mir zu Liebe wohl das Opfer gebracht hätte, Deine u. Lilians Gegenwart so lange zu missen, sage ihm, daß ich ihm für diese freundlichen Gesinnungen gegen mich herzlich dankte. An meinen [sic] Geburts=
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tag war es ein so trüber Regentag, wie ich mir noch nie an diesen [sic] Tag erinnern kann, dazu kam noch, daß es in der Fabrik gerade so viel anstrengende Arbeit gab, daß Wilhelm u. August kaum Zeit hatten zu Tische zu kommen, wir mussten sehr lange warten u. August kam erst, nachdem wir unsere Mahlzeit halb beendet, das trug dazu bei den Tag noch unge=müthlicher zu machen. Wilhelm ist nun vorige Woche in die Fabrik gezogen u. bewohnt da zwei ganz freund=liche u. gut eingerichtete Zimmer, hat aber leider in den ersten Tagen einen schlimmen Schnupfen bekom=men, bei dem er sich nun nicht so pflegen kann, wie er es hier im Hause wohl gethaen hätte u. ich fürch=te, daß er deßhalb länger anhalten wird. Er sieht jedes mal so erbärmlich dabei aus, daß mir ganz bange um ihn wird. August kommt in der Woche nicht mehr zum Essen, sondern lässt es sich von hier holen, worüber ich gar nicht erfreut bin, denn ich sehe ihn dadurch fast die ganze Woche nicht, aber Wil=helm sagt es sei so besser u. so muß ich mich fügen, aber nur mit schwerem Herzen. - Es hat mir so sehr leid gethaen, daß ich durch Grethchen nicht auch etwas für Lilian geschickt habe, aber ich glaubte ziem=lich sicher, daß Du abgereist sein würdest, ehe diese zu Dir kommen würde, u. daß Deine Abreise sich noch so lange verschieben würde, hatte ich gar nicht geglaubt. Sage ihr nur, daß ich auch ein kleines Kreuzchen für sie habe, das sie um den Hals tragen soll, wenn sie nach Gotha kommt u. daß ich ihre kleine Male=rei sehr bewundert hätte, sie wäre eine kleine Künstlerin, aus der einmal eine große werden würde u. damit es ihr nicht an Bildern zum Ma=
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len fehle, schickte ich ihr hier einige die sie recht schön bunt ausmalen sollte u. dabei auch einige Buchstaben lernen könnte. Ich habe auf 3 Bilderbogen das ganze Alphabet für sie, kann sie aber nur nach u. nach schi=cken. Otto Struwe haben wir diese Woche jeden Tag erwartet, es scheint aber nun, daß er erst auf der Rückreise zu uns kommen wird. Diesen Morgen sagte auch Auwers, daß er von Winnecke erfahren O. St. ging erst nach England u. käme auf der Rückreise hier durch. Morgen wird Oskar Repsold hier eintreffen, er geht nach Basel um dort das Politechnische Insti=tut zu besuchen. Bei Ida ist natürlich der Wunsch sehr lebhaft, daß Hans mitkommen möchte u. ich hätte ihr die Freude des Wiedersehens sehr gegönnt. Ich denke indeß, daß er nun auch nicht mehr sehr lange auf sich warten lassen wird u. wünsche es auch sehr, denn es ist eine ziemliche Geduldsprüfung für Ida, bei der sie etwas von ihrem frischen Aussehen verloren hat. Nicht daß es ihr an Farbe fehlte, aber sie hat bald mehr bald weniger dunkle Schatten um die Augen welche zeigen, daß sie sich nicht so ganz frisch u. kräf=tig fühlt. Ich finde es nicht so ganz recht von Hans, daß er sie jetzt noch in Ungewißheit über die Zeit seines Kommens lässt, er schreibt mir oft, daß es nun nicht mehr so lange sein wird ohne nur anzudeuten, wann er ohngefähr kommt u. diese Ungelwißheit u. das Ergehen in Vermuthungen ist am angreifendsten u. ich glaube daß es von ihm abhängt die Zeit zu bestim=men. Ida denkt sich, daß er zu Pfingsten kommt, obgleich er noch nichts davon erwähnt, ich will hoffen, daß sie nicht in ihrer Erwartung getäuscht wird. Er denkt sich ge=wiß nicht, daß es Ida so schwer wird u. ich bin überzeugt daß sein Verlangen sie wiederzusehen so groß ist, wie das
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ihre, aber seine tägliche Beschäftigung, die seine Ge=danken ganz in Anspruch nimmt, lässt ihm nicht Zeit so viel daran zu denken, während Ida bei der ihrigen meist mit ihren Gedanken bei ihm weilen kann. Es sind nun bald zwei Wochen vergangen seit ich die Photographie an die Tante Anna mit einen [sic] langen Brief, der mir recht schwer zu schreiben wurde, abge=schickt habe, ich bat darin mir durch Frl. v. Müller eine Nachricht über ihr Befinden geben zu lassen, aber ich habe noch keine Antwort erhalten. Ida Hornbostel hatte sich Hoffnung gemacht daß Wilhelm das Osterfest nach Wien kommen würde, so sehr leid es mir thut, daß sie diese Freude nicht haben kann, so sehr musste ich doch Wilhelm davon abrathen, er darf diese Ausga=be jetzt nicht schon wieder machen u. vielmehr daran denken sich etwas für seine Einrichtung zu schaffen. Noch lässt sich immer nicht bestimmen, ob er im Herbst wird Hoch=zeit haben können, da mir Ida vor einiger Zeit schrieb, daß sie ziemlich sicher darauf gerechnet daß zu dieser Zeit sie endlich ganz mit Wilhelm vereint werden würde, so ängstigt es mich recht, daß das noch so un=gewiß ist. Wilhelm sagt, daß die Sommermonate es entscheiden müssen, bis jetzt wisse er noch gar nicht, wie die Geschäfte gehen würden. Wenn Du Emma siehst, so grüße sie herzlich von mir u. sage ihrm daß ich ihr nächste Woche schreiben wollte. Ida lässt Dir sehr herzlich für Deinen lieben Brief danken, sie hat sich außerordentlich darüber gefreut u. auch wir haben uns an den [sic] Inhalt erfreut. Von Amerika haben wir lange nichts gehört, die Zeitungsnachrichten kommen äußerst spär=lich. Ich bitte Dich noch mir ein halbes Dtz von den Nähmaschi=nennadeln, von welchen Emma mir geschickt, mit zu bringen es sind die besten, die ich habe, auf der stärksten steht No. 4 ich weiß nur nicht ob bei den feineren die Nummer auf oder ab geht, da ich das nicht erkennen kann. Ich habe von dieser Sorte 3 Nadeln u. wenn mir eine
[page 1 (sheet 1, right-hand side), top margin, upside-down writing:] davon bricht, so bin ich übel daran. Grüße Deinen lieben Mann recht herzlich u. gieb Lilian einen Kuß von mir. Der gute Vater u. die Geschwister grüßen herzlich. Gott möge Euch behüten!
Mit der herzlichsten Liebe
Deine Mutter. [/page 1, top margin]
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