Sammlung: Raster Family Letters
Verfasser: Anna Oppenheim
Empfänger: Margarethe Oppenheim (Raster)
Bezeichnung: Brief von Anna Oppenheim an ihre Tochter, Margarethe Oppenheim Raster, 20. Mai 1884.
Anna Oppenheim an Margarethe Raster, 20. Mai 1884
Original text
Bis heute habe ich nun mit dem Schreiben ge gewartet, weil ich immer hoffte, Dir bessere Nachrichten über mein Befinden geben zu können, mein geliebtes Kind, es will aber immer noch nicht gut werden und meinen die Ärzte, wenn mein Zustand sich nicht bald bessert, dann könne ich dies Jahr nicht nach einem Bade geschickt werden; den nächsten Monat soll ich anfangen, hier zu baden, was eben auch schon sehr umständlich und beschwerlich ist, denn es sind dazu zwei Leute nöthig, die mich die Treppe runter und in den Fahrstuhl bringen müssen. Die Ärzte verlangen
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die größte Ruhe und Vermeidung jeder Auf= regung für mich. Daß dies bis her [insertion:] eben [/insertion] nicht mög= lich war [insertion:] ist [/insertion], weißt Du wol [sic]. Du kannst Dir denken, daß ich schwer mit dem Gedanken zu kämpfen habe, daß ich [insertion:] ehe ich das harte Schicksal ertragen lerne [/insertion] wol [sic] nie wieder vollständig her= gestellt [insertion:] zu [/insertion] werden, und den Rest meines Lebens als Krüppel [insertion:] und unthätig [/insertion] zubringen muß, dann kommt dazu der tiefe Kummer um das geliebte Kind, denn den Gedanken, das süße, herzige Wesen nie wieder zu sehen, kann ich nicht fassen und ertragen und zum Überfluß ist nun noch die fatale Erbschaftsgeschichte, die ich doch wahrlich nicht ruhig hingehen lassen werde.
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Auf Deinen Vorschlag, mich mit Thümlers auszu= sprechen, kann ich auf keinen Fall eingehen, es würde mich nur sehr aufregen und würde doch Nichts dadurch erzielt werden, denn was der Patron will, das seht Ihr aus der beiliegenden Abschrift eines Briefes an Otto, der ihn freund= schaftlich aufgefordert hatte, Erklärungen abzu= geben, die Otto in den Stand setzen können, die Angelegenheit gütlich zu schlichten; er will aber das Geld behalten und Zinsen versprechen; die Möglichkeit, schriftlich annehmbare Vorschläge zu machen, war ihm wie abgeschnitten
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er spricht davon, daß er in Sorgen gestürzt würde, es stört ihn aber nicht, daß er mir mein Alles genommen und mich dadurch in Sorgen stürzt, das Empörendste aber ist, daß dies Alles durch Jahre schon vorbereitet ist und nur der schnelle Tod Deines Vaters ihn verhindert hat, sich Alles schen= ken zu lassen und dieser Mensch schreibt, daß es niemals seine Absicht war, sich widerrechtlich Etwas anzueignen und seine Schwiegermutter oder Schwägerin pekuniär zu schädigen. Die Krankheit und der Tod unseres theuren Kätchens hat eine Pause in der Verfolgung der Angelegenheit herbei= geführt. Onkel Adolph und Otto [insertion:] glaubten [/insertion], Th. werde diese Zeit benutzen und mit einem Vorschlage hervor= treten, da dies aber nicht geschehen ist, so wird
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wie dies Raster Otto vorgeschrieben hat, nunmehr entschieden vorgegangen; auch auf einen rein freund= schaftlichen Brief, den Otto nach dem Trauerfalle an Th. geschrieben, ist keine Antwort erfolgt. Th. ist eben mit seinem Plan, das Geld zu behalten, fertig und läßt es, wahrscheinlich nach [Minders?] Rath, an sich kommen; das Glück soll ihm blühen, denn mit einem so heuchlerischen und erbschleicherischen Betrüger kenne ich keine Nachsicht.
In kürzester Zeit schreibe ich an Eddy + Waltherchen und nun lebe wohl, mein Herz, viele Grüße, Dir und Raster von mir und Onkel Adolph und küsse die Kinder herzlich von mir. Bleibt nur stets recht gesund und munter und nun nochmals lebe wohl Deine treue Mutter
Dessau 20/5. 84.





