Sammlung: Ziegenhagen Family Letters
Verfasser: Franziska Ziegenhagen (Mansolf)
Empfänger:
Bezeichnung: Brief von Franziska Mansolf an ihren Vater und ihre Stiefmutter Franz und Dora Ziegenhagen, 1. Februar 1892
Franziska Mansolf an Franz und Dora Ziegenhagen, 1. Februar 1892
Original text
[roman:] Stegers [/roman] d 1 ten Februar 1892
Vielgeliebte Eltern
Zu ihrem Brief haben ich wir uns sehr gefreut zum heiligen Weinachtsfest wo es drin hieß das wir auch [illegible, 5-6 words] einen bekommen [insertion:] würden [/insertion] aber leider meine Freude mein söhnsuchtsvolles Warten ist vergebens ich kan es nicht begreifen den mein Bruder hat mir doch immer geschrieben und so lange wie mein Franz da ist nicht mehr was das auf sich hat es ist doch langer Leuten auf fallend und ich mus mir schämen wen die Leute mir fragen und wie viele Tränen hat es mir schon ausgeprest unser Pfarrer frug mir neulich was macht der Sohn und wie gehts ihm lieber Vater was soll ich den sagen die Thränen stehen mir gleich in den Augen und weis nicht was ich sagen soll sie schreiben alle arm und reiche. 25 Junge Leute zogen vorigtes Jahr und die haben ihren Eltern schon alle Geld geschickt und zweie ihren Eltern schon die Freikarte und mit Franzen zog ein gewisser Hoffman mit sein Vater war aus Bischhofswalde her und jetzt todt und nun hatte seine Mutter einen gewissen Hase geheiratht 28 Jahre alt und der Hoffman konte sich nicht mit seinem Stiefvater Hase vertragen
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und weil wir Nachbaren waren kam er alle Tage zu und und zog mit Franzen für sein Geld mit sein Erbtheil waren zwei Hundert und das nahm er mit und uns war auch sehr lieb das Franz geselschaft hat er war auch 18 Jahr alt und groß und stark und wie er drei Monate fort war kam sein Stiefvater vom Manöve vom Miletär krank zurück und war in 14 Tagen todt und wurde im Pfingst begraben nun sagte seine Mutter dem Hoffman seine nun schreibe rasch an deinem Bruder das mein Albert rasch komt den soll er wirtschschaffen und [illegible word] werde ich es ihm übergeben er solte auch schreiben ob er zurück kommen würde aber er schrieb nicht mehr und war in 4 Wochen hier er komt oft zu uns und sagt das Franz es sehr gut hat und mein Bruder viel Geld einnimt und mein Franz auch schon ein bischen hat und zu den Leuten im Dorfe macht er es sehr groß das mein Bruder da noch stein reich wird und mein Franz ganz glücklich ist [?] wen [/?] er es sich wird in Nacht nehmen und ihm gut entgehen[1] gehen aber er sagt mein Bruder [insertion:] ist [/insertion] eine Seele von Menschen ist aber er befürcht er wird man[2] nicht lange leben weil er immer leident ist dieser Hoffman und mein Franz hatten zwei Monate in einem Kanal gearbeitet ein jeder hat fast 70 Th. verdient auch das [?] Korn [/?] der Hoffman zu Hause und Franz hatte seine 70 Th. in das
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Eiserne Spind [insertion:] gelegt [/insertion] er sagte ich hätte es schon abgeben wen Franz es mir man mitge [insertion:] ge [/insertion] ben mein Bruder hatte ihm 60 Mark mitgegeben das er mir solte geben und ich habs erhalten und mir sehr gefreut wir haben uns ein paar Scheffel Roggen zur Saat gekauft und Ausgan[g]s Februar sind unsere Zinsen 45 Th. die müssen auf Stunde und Minute ins Baldenburger Gericht an die Erben von meiner Schwägerin Theresia aus Flötenstein und wir wissen sie nirgends wofür einzunehmen und lieber Vater in dieser schlechten [insertion:] Zeit [/insertion] bekomt man keine Rath als man ruhig davon laufen und alle Besitzer hier in der Umgend[3] müssen alle Brodkorn kaufen Weizenmehl der Ctr: kostet 17 Mark und für die Pferde und die Schweine zum Fettmachen Mais Ztr: 9 Mark nun schrieb ich ihm hin meinem Franz er solte uns auch [strikethrough:] den [/strikethrough] man die Zinsen schicken es kan ja vieleicht auf zukommende Jahr besser sein aber es thut mir sehr leid das ich es ihm geschrieben habe und wen mir der Gerichtsvolzieher auch fänden[4] sollte und ich mit meinen beiden Kinder davon laufen müssden Kan ich mir nicht helfen ich denke da wegen schreibt er nicht das ich ihm das geschrieben habe ich habe ihm vor 4 Wochen geschrieben wen er mir nicht auf diesen letzten Brief nicht mir antworten das sollen sie meine Handschrift nicht mehr sehen
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er machts aber so wie sein Onkel Joseph und läst nichts von [insertion:] sich [/insertion] hören lieber Vater mir schreibt keiner wie sie alleine und solten sie wo sehr krank werden und noch sterben so erinnern sie doch ihre Familge[5] mir nicht zu vergessen das ich immer weis ob sie noch alle leben und wie ihr geht und wo Man[6] ist und wis ihr geht wen ich mitten in der Nacht aufwache so denke ich an sie alle und am meisten an sie lieber Vater sie kommen mir doch keinen Augenblick aus den Gedanken und lieber Vater schreiben sei mir doch wis Antonge[7] geht Hoffman hat erzählt mein Bruder hat erzählt von Joseph wier er Antonge mal hat zu ihm gebracht hatte er ihm im Gasthof getroffen und hatte nicht gehabt trinkt er oder was hat das auf sich das er immer von einer Stelle zur ander zieht auch wie Franz mein Bruder meinen Franzen die Freikarte schickt schrieb er er hoffte das mein Franz nicht so schlecht sein würde wie msein Onkel Josef das mein Franz ihm Ehre und keine Schande machen werde schreiben sie uns doch was er für einen Lebenswadndel fürt mir komts so vor er wird wohl meinen Man sein Bruder sein den wers mir nicht so nöthig wen er nicht getrunken und nicht so flot gelebt hätte hätte ist er schon besser Johan wird wohl der beste drunter sein er ist ein guter Sorger für seine Familge er stach Franzen auch 30 Mark in die Hand und sagte er vergess nicht an mich zu schreiben
Anmerkungen
- ^ "entgehen": North German dialect for High German "entgegen"
- ^ "man" = "aber" in North German dialect
- ^ "Umgend" = "Umgegend", with dialect loss of -g-
- ^ "fänden" = "pfänden"
- ^ "Familge" = in North German dialect, the -g- here is pronounced the same as German -j-
- ^ "Man" = nickname for Maria
- ^ "Antonge" = North German dialect for Antonia




