Sammlung: Grupe Family Letters
Verfasser: Gustave Grupe
Empfänger: Marie Kreplin (Grupe)
Bezeichnung: Brief von Gustave Grupe an seine Tante Marie Grupe, 5. Mai 1912
Gustave Grupe an Marie Grupe, 5. Mai 1912
Original text
Hamburg Ohlsdorf d. 5. Mai 1912. (diese Adresse genügt auch)
Meine liebe gute Tante!
Gestern Abend bekam ich Deinen Brief, den ich schon jetzt sofort beantworte. Ja. ich habe lange nichts von mir hören lassen. Möglichst nur gutes wollte ich Dir berichten. Alle Anzeichen schienen das auch zu verbürgen. Wir führten ein so ruhi. ges friedlich glückliches Familienleben und zwar jahrzente hindurch. bis wir im Oktober 1910 in grausamer weise auf gerüttelt wurden, dass dies alles in Zukunft ganz anders sein würde, und wie urplötzlich geschah dies alles. so dass wir heute noch wie in einem Traum dahin gehen, auch die Schlechtigkeit der allernächsten jungen Verwandten, welche wir geschäftlich vorwärts bringen wollten. die aber hinter un. sern Rücken ein Luderleben führten für meine Rechnung. grösser als das war noch der dadurch verursachte geschäfliche Verlust bei einem Betrieb von 100 bis 120 Arbeiter, welche sich nebenher beinahe zu ebenso grossen Faulenzern aus. bildeten, als sie selbst waren. [insertion:] Es wird nun mancher sagen, warum hast Du Dich nicht besser darum bekümmert. Es war ihr eigner Betrieb, wofür ich allerdings das Geld hergab. Ich baute hier selbst in meiner Nähe Doch, besuchte ich wöchentlich einige male ihre Bauten. so war alles in bester order, dass lässt sich ja auch alles machen Gegen fremde Leute ist man vorsichtiger. Heute gebe ich zu, dass ich gegen die Verwandten zu weit ging mit mein Vertrauen [/insertion] Sollte ich Dir nun bereits Bekanntes geschrieben haben. so wollte ich Dich doch nicht) länger In Ungewissheit lassen. Durch fernere inzwischen eingetrete Verlüste kann ich sagen, dass ich bisjetzt den dritten Theil meines Vermögens verloren habe, ein fernerer größerer Verlust steht mir noch befor, und darüber schwebt der grosse Process. Meine gute Frau, welche noch nie vor Gericht stand, wurde gestern zum 2 ten mal als Zeugin verhört.
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Seit gestern haben wir nun eine Schwache Hoffnung bekom. men zu unserem Vortheil. Die 2 wichtigsten Zeugen der Geg. ner sind als grosse Lügner entlarv worden, so dass wir da=raufhin neuen Muth schöpfen. In dieser Annahme wurden wir bestätigt, als gestern Abend Dein liebes Schreiben, ein Brief von so guter Hand hier eintraff. möge es eine gute Vorbedeutung sein. Getreu dem Grundsatz “Arbeit segnet Gott“ war auch ich bisher immer thätig. Dennoch aber, haben auch diese 3 schönen Worte nicht immer Recht. Hätte ich zum Bei=spiel jede geschäftliche Thätigkeit angegeben als ich 60 Jahr alt war. oder noch eher, es wäre richtiger gewesen. Solche Betrachtungen kommen aber jetzt zu spät Es ist nicht allein der Geldverlust. auch die Gesundheit hat gelitten, namentlich die meiner Frau. Liebe Tante. Wir erreichen nicht alle ein so schönes benei. denswerthes Alter wie Du. Bei mir, in meinem Alter war es mir noch mein grösster und mein sehnlichster Wunsch Dich und Euch alle noch einmal wiederzusehen sowie die Gräber von theuren Verstorbenen. Wie sich unter den jetzigen Umständen mein Geschick gestalten wird kann ich nicht wissen, doch. sollte des Recht die Ober hand behalten, und ich sollte in absehbarer Seit mein Process gewinnen, so wird mich nichts davon abhalten. nach America zu kommen. Früher war meine Frau dagegen, wegen [insertion:] der [/insertion] damit verbundenen Gefahr.
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doch seitdem sie erkannt hat, dass diese Gefahren heute lange nicht mehr so gross sind wie ehedem, trotzt der kürzlichen „Titanic“ Katastrophe, und sie weiss, wie sehr ich darnach trachte noch einmal „hinüber“ zureisen. seitdem ist sie recht gerne damit einverstanden. Ich glaube Du kannst Dir nur schwer eine Vorstellung davon machen. wie gerne ich zu Dir kommen würde. Ich bin nahezu 65 Jahr alt. Lebten meine Bruder noch. sie würden dasselbe sagen, nämlich: das wir in dieser langen Zeit niemals das wohlthuende Gefühl empfunden haben, welches glücklicheren Menschen von Seiten einer Mutter zu Theil wurde. Die Todten wollen wir ruhen lassen. ich weiss auch. dass ich Dir früher schon ähnliches geschrieben habe, es geschieht so manches. wodurch man mit den Jahren immer wieder daran erinnert wird. man mag wollen oder nicht. kurzum seitdem ich weiss, dass Du als treu sorgende Mutter nicht allein für Deine Kinder sondern auch für mich ein klein wenig übrig hast, so ist das ein Haupt. grund mit, hinüber zu kommen. Dich noch ein=mal wieder zusehen. Dir persöhnlich zu dan. ken. und so Gott will. was ich stark hoffe. noch in diesem Jahr.
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Du schreibst, dass Du schwächer wirst. an Geit und Körper Natürlich. in Deinen Jahren nimmt das kein Wunder. Aber ich denke, es ist dies doch wohl nicht in dem Maase der Fall wie Du es befürchtest. Deine Briefe sind für Dein hohes Alter noch so geistig frisch und klar. Deine Handschrift noch so fest und sicher, dass man dahinter keine Frau vermuthet im 88sten und in Bezug auf diese Lebenskraft, baue ich die bestimmte Zuversicht, dass Du als alte Stamm. mutter Deinen Kindern, oder besser gesagt. Dei. Töchtern und Söhnen sowie allen übrigen mögest noch lange recht lange erhalten bleiben, wo. von ich ja auch profitire, indem ich dann noch öfter von Dir höre. Du glaubst nicht wie angenehm es uns. meine Frau und mich berührt, einen Brief von Dir zu bekommen. Und nun lebe wohl liebe Tante, grüsse Amelia und alle Deine theuren, auch Mr. Otto Barthol u. Frau und in der festen Hoffnung, Dich noch einmal wieder zusehen verbleibe ich
Dein treuer Neffe Gustav Grupe




