Sammlung: Grupe Family Letters
Verfasser: Gustave Grupe
Empfänger: Marie Kreplin (Grupe)
Bezeichnung: Brief von Gustave Grupe an seine Tante Marie Grupe, 4. August 1919
Original text
Hamburg Ohlsdorf d. 4. August 1919.
Meine liebe gute Tante.
Da Du bisher von unserm Schöpfer so bevorzugest warst in Hinblick Deiner langen irdischen Laufbahn. so möchte ich die Hoffnung nicht aufgeben. dass Du auch gegenwärtig noch den Dei. nigen erhalten geblieben bist. Dies also vorausgesetzt. richte ich nach langer Zeit in alter weise einige Zeilen an Dich. Dass unser liebes Vaterland eine böse Periode durchma. chen muss für lange sehr lange und in drückenster Weise das wird Dir bekannt sein. Alle Menschen. ganz gleich auf welcher Seite sie standen _ die im blühensten Alter ihr Leben lassen müssten, und die vielen Invaliden. sind tief zu beklagen. Dieje. nigen. welche dieses Unheil angestiftet haben, sind gar nicht strenge genug zu bestrafen. Mehr oder weniger ist das deutsche Volk durch das lange Ausblieben fremder Lebensmit tel unterernährt. Sehr viele sind daran zu Grunde gegangen. Nicht genug daran, dass wir hohe Steuern zu erwarten haben. muss noch jeder bemittelte Mann einen ganz beträchlichen Teil seines Vermögens abgeben. Die Zukunft ist zunächst für uns nicht schön. Und nun zu meiner Frau und zu mir. Sie hat entsetzlich verloren und kann noch gar nicht wieder zu sich kommen. Ich habe auch an Gewicht verloren. aber sonst bin ich noch immer derselbe. Als Mann und Ernährer darf man sich vom Schicksal nicht unterkriegen lassen so muss man den einzelnen der Familie mit gutem Beispiel vorangehen. Nicht klagen. sondern voran gehen und bessern das ist jetzt die Parole. Sollte einer Deiner Söhne oder Du köntest uns sonst von einer Seite _ Schinken. Speck. Etwas Mehl nebst der Bill senden so wären wir Dir sehr dankbar. In der Erwartung. dass ich Dir nächstens schon Besseres berichten kann. hoffe ich recht bald von Dir zuhören, Tante und verbleibe mit herzlichem Gruß Dein getreuer Neffe
Gustav Grupe und Frau.
