Sammlung: George Neubert Letters

Verfasser: Karl Hirtes

Empfänger: George Neubert

Bezeichnung: Brief von Karl Hirtes an seinen Onkel George Neubert, 18. Mai 1897.

Karl Hirtes an George Neubert, 18. Mai 1897

Englischer Text

Original text

[sheet 1, page 1]

Offenbach am 18. Mai 1897

Mein lieber Onkel!

Deinen lieben Brief vom 29. April haben wir erhalten und sind alle tief betrübt hören zu müssen, dass Du in der letzten Zeit nicht ganz wohl bist. Besonders macht sich Mama vielen Kummer, das du bei fremden Leuten bist und nicht bei deinen Kindern, die doch zunächst verpflichtet sind die Eltern in ihren alten Tagen zu pflegen. Du würdest Mama sehr beruhigen, wenn du

[sheet 1, page 2]

einmal näheres darüber schreiben würdest, namentlich wie es deinen Kindern geht und warum du nicht bei einem derselben bist.

Wir hoffen übrigens, [insertion:] dass es [/insertion] nicht allzu schlimm ist und dass du bei guter Pflege wieder ganz gesund wirst.

Mama hätte dir gern selbst geschrieben, jedoch hat auch sie viel mit Kopfschmerzen zu tun, die ihr das Schreiben manchmal ganz unmöglich machen. Das deine Tochter Lizzie sich verheiratet hat, hat Mama sehr gefreut, und

[sheet 2, page 3]

wünschen wir alle ihr von ganzem Herzen Glück.

Um Dir von Winkler etwas mitteilen zu können hat sich Mama in Hanau erkundigen lassen, und in Erfahrung gebracht, daß Winkler schon vor 2 1/4 Jahren plötzlich gestorben ist. Von Frau [?] Sauer [/?] konnte Mama nichts Näheres erfahren. Dieselbe ist wie Du vielleicht schon weißt Wittwe, sie lebt nicht mehr in ihrem Elternhaus, doch geht es ihr recht gut.

In Hanau hat sich vieles verändert, so daß Du Dich kaum noch zurecht finden

[sheet 2, page 4]

würdest. Es ist jetzt viel größer und schöner. Jetzt sind es 300 Jahre, daß die Neustadt gegründet wurde; bei dieser Gelegenheit wird ein großes Fest gefeiert. Am 2 Pfingstfeiertag ist ein großer Festzug, so großartig wie man hier noch nichts gesehen hat. Ich werde mir einige Zeitungen aufheben lassen und diese Dir zusenden.

Vor kurzem ist das Grimmdenkmal enthüllt worden, wovon ich Dir nächstens auch ein Bild schicke. Mama hat sehr bedauert

[sheet 3, page 5]

dass die Nachrichten von Onkel Fritz nicht besser lauten. Er ha schon lange nichts von sich hören lassen. Wenn du an Onkel Fritz schreibst, so richte bitte viele Grüße von uns allen aus. Er soll doch auch einmal schreiben, worauf sich Mama schon lange vergebens freut.

Bei uns geht alles so weit ganz gut. Bis auf unsere liebe Mutter, die manchmal arg von Kopfschmerzen geplagt wird, sind wir alle gesund und das ist die Hauptsache oder (der) beste Reichtum.

[sheet 4, page 6]

Ich habe jetzt ausgelernt und bin mit meiner Stelle recht zufrieden. Mein sehnlichster Wunsch jedoch ist bald einmal ins Ausland zu gehen und möglichst viel von der Welt zu sehen. Mama ist allerdings nicht so sehr erfreut davon. Besonders wäre ich glücklich, wenn es mir einmal vergönnt wäre dich zu besuchen und dich, von dem uns Mama soviel Gutes erzählt, persönlich kennenzulernen.

Hoffentlich ist es mir einmal möglich, denn wenn man jung ist, hofft man alles.

[sheet 4, page 7]

Für heute will ich schließen lieber Onkel.

Wir alle wünschen, dass du recht bald wieder gesund wirst und senden dir die herzlichsten Grüße und Küsse.

Besonders uber grüßt dich im Namen meiner Mutter, dein Neffe Carl Hirtes

P.S. Familie Kogler läßt dich recht herzlich grüßen.