Sammlung: George Neubert Letters

Verfasser: Marie Hirtes

Empfänger: George Neubert

Bezeichnung: Brief von Marie Hirtes an ihren Bruder George Neubert, 10. Juni 1900.

Marie Hirtes an George Neubert, 10. Juni 1900

Englischer Text

Original text

Offenbach d. 10/6 1900

Mein lieber Bruder Georg!

Es ist schon geraume Zeit daß wir deinen lieben Brief erhalten, aber leider dir biß heute noch nicht geantwortet wie oft habe ich mir vorgenommen heute schreibe ich bestimmt doch kam gewiß etwas was mich wieder nicht zum schreiben kommen ließ, das Briefe schreiben fällt mir ja sehr schwer, indem mein Kopf immer sehr angegriffen ist. Wie sehr lieber Georg habe ich mich gefreut daß sich deine Gesundheit sowie Verhältnisse zum Guten gewendet haben u. du doch Sorgenfrei in die

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Zukunft blicken kannst wollte Gott daß du es Gesund noch lange genießen mögest. Leider lese ich in deinen Zeilen von unserem Bruder Fritz daß es ihm (wenn ich recht verstehe) nicht zum besten geht, dieß sollte mir doch furchtbar leid thun ich begreife es eigendlich nicht Fritz war doch immer sehr vorsichtig wo sind denn die Söhne ich glaubte dieselben bei Fritz im Geschäft hoffendlich werden sie ihren Vater nicht im Stich lassen, bitte bei deinem nächsten schreiben mir doch ausführliches von Fritz zu berichten, schreibst du an ihn so grüße ihn herzlichst er möge seiner Schwester auch noch einmal gedenken und ihr ein par Zeilen zu kommen lassen, wenn

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es auch nur wenige sind es würde mich doch so sehr erfreuen. Adresse habe ich keine von Fritz lege sie mir nächstens bei. Bei uns lieber Georg geht es ja soweit gut wir sind Gott sei Dank Gesund biß jetzt u. dieß rechne ich fürs gröste Glück Heinrich ist im Geschäft sehr in Anspruch genommen es macht ihm aber sehr viel Freude, seid dem Tod unserer Schwester & Schwagers hat sich das Geschäft ganz bedeutend noch vergrößert es ist eine grosartige Fabrik. Gretchen ist seid dem 14 Januar verheiratet da hatten wir sehr viel Verkehr, Arbeit u. schwere Kosten gehabt, sie wohnt ganz in der Nähe, nun sind wir froh daß alles so weit

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vorüber ist u. Gretchen zufrieden ist. Karl hatte im October 1899 sein Jahr abgedient, wurde nun aber im April 1900 schon wieder auf 8 Monate einberufen, vor 8 Tagen wurde er als Vizefeldwebel der Reserve entlassen, wir haben uns sehr gefreut als er uns mit dem Säbel überraschte. er wird dir demnächst auch einmal schreiben. Helene ist noch zu Hause ist in allem sehr tüchtig im Haushalt sowie aller Handarbeit es käme mir hart an, wenn ich sie enbehren müßte hoffendlich kann ich sie noch einige Zeit behalten, man wird eben auch Älter u. zuweilen der Ruhe sehr bedürftig.

Wie geht es bei deinen Kindern, hoffendlich

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bei Allen gut grüße sie herzlichst von uns. In Hanau war ich schon lange nicht, ich glaube du würdest dich nicht mehr zurecht finden es hat sich kollosal vergrößert u. verschönert, ich bin auch fast vollständig Fremd geworden, ach so viele Freunde u. Bekannte alles Tod und dieß berührt mich immer furchtbar, gehe deßhalb auch sehr selten nach Hanau. Piere Kogler habe ich unlängst hier gesprochen er ist noch sehr thätig im Geschäft er läßt Dich herzlichst Grüßen

Mittwoch haben wir 13 Juni die Kinder haben hir einen schönen Bekanntenkreis u. da feiern wir das Lampoifest im

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Offenbacher Wald an Kaiser Friedrich Quell ein herrliches Plätzchen, da freue ich schon immer im Winter auf die Zeit wo man wieder in den schönen Wald gehen kann.

Nun lieber Georg möchte ich Dich bitten doch öfter einmal zu schreiben ich verspreche Dir, Dich auch nicht mehr so lange warten zu lassen, wie schon bemerkt wird Dir Karl auch in der Kürze mal schreiben. So behüt Dich Gott u. bleibe Gesund dieß wünscht von ganzem Herzen

Deine Schwester Marie

Von Heinrich und den Kindern richte Dir die herzlichsten Grüße aus.