Sammlung: Johann Georg Holl Family Letters
Empfänger:
Bezeichnung: Incomplete Holl family letter, March 26, 1872.
Holl family letter, March 26, 1872
Original text
Oberpreuschwitz, den 26ten Mai 1872
Unvergeßlicher Kamerad!
Es ist schon über zwei Jahre, daß wir uns im Bahnhofe zu Neumarkt persönlich von einander trennten, aber das Band unserer jugendlicher Liebe ist bei mir gegen Dir noch nicht zurrißen. Ich habe mir Deine Photographie, die du mir geschickt hast, einramen lassen und sie in meiner Schlafkammer aufbewahrt, wann ich das Morgens aus dem Bette gehe, schicke ich Dir täglich einer Morgengruß zu, und ich habe es im Stillen schon oft bereut, daß ich nicht auch mit Dir die Reiße nach Nordamerika vorgenommen habe. Ich hätte Dir freilich schon lange schreiben sollen, aber ich wollte immer die Zeit der Construbirung erst abwarten, damit ich dir recht viele Neuigkeiten von mir und unseren Kamaraden mittheilen kann. Du wirst dich wohl wundern müssen, wenn Du in meinen Schreiben liest, wir jetzt unsern Kameraden von einander zerstreut werden. Es wurden heuer 1-1/2 Jahrgang, nämlich 1851 bis zum 30. Juni 1852 ausgehaben, uns im künftigen Jahre kommt wieder 1-1/2 Jahrgang davon, so daß jetzt jeder Jüngling mit dem 20. Lebensjahr zur Musterung kommt. Im Bezirksamte Bayreuth mit Weidenberg waren heuer 475 Mann, darunter wurden 207 für tauglich befunden und man sagt über 50 Mann zurückgestellt.
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In Oberpreuschwitz waren 7. Mann davon sind 5 Soldaten und auch ich bei Diener Gratulation zum Militär nachgekommen. Am Dienstag den 14. Mai Mittags elf Uhr wurde ich visitiert, und es schauderte mir die haut, als sie ruften tauglich zur Infanterie. Mein Maaß war 5 Fuß 8 Zoll. Dem 16. Mai war die Loosung und ich zog Nr. 30. Die Einrückungszeit soll auf den 1. August bestimmt sein, und um das ich _____ wird _ras Loos gezogen habe, kann ich auf keine weitere Zurückstellung rechnen. Lieber Kleiner es ist wohl en Glück, wenn man mit gesunden Gliedern zu einen Soldaten taugt, und eine Ehre deutsche Waffen tragen zu können, aber ich hätte es doch vorgezogen, wenn ich als Stütze, davon mein kränklicher Vater und meine kleinen Geschwister, so bedürftig wären, noch längere Zeit im meinen älterlichen Hause verweilen könnte, und ich mußte meinen Eltern zum Trost an jenen Spruch erinnern: Herr wie Du willst, so schickt mit mir. Auch den Meisten meiner Kammeraden erging es nicht besser als mir, und ich will Dir die neuen Soldaten in unsere Nähe, aufzählen: Johann etsch von Dönnhof (6 Fuß lang) Kürassier, Martin Oetter, [?] hlaner, Peter Mader, Artillerist, Georg Herrmannsdörfer on Unterpreuschwitz Cavallarist, Joh. Hübner von dort frei.
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Weitere Neuigkeiten sind: In Bayreuth unterhalb der Bürgerreuth wird heuer ein sehr großartiges Theatergebäude erbaut, der Gründner davon ist der berühmter Tonkünstler und Hofschauspieler Richard Wagner aus München ein Liebling des Königs, von welchen Du schon öfter in den Zeitungen gelesen haben wirst. Am Mittwoch den 22. Mai vor die Grundsteinlegung dieses Gebäudes, es kamen zu diesen Feste, so viel ich weiß 500 Sänger und Künstler aus allen Städten Europas hierher. Im Tagblatt haben wir
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gelesen, daß auch Mo. John Jaksohn Korrespondent des Newyorker Herald (Amerika) in Bayreuth gewesen sein soll, weshalb auch der Pfingstmarkt 8 Tage früher früher abgehalten wurde, und gerade mit der Musterung zusammentraf. Auf dem höchsten Gipfel der hohen Warte oberhalb der Burgerreuth wird ein sehr hoher und großartiger Siegesthurm, zum Andenken an den deutsch-französchishen Kriege von Jahr 1870/71 erbaut und ist bereits schon mit der Arbeit begonnen. Durch dieser Baulust ist heuer ein sehr reges Leben und jeder Gewerbsmann steigert seine Löhne. Das Getreidte und alle anderen Früchte stehen heuer bei uns sehr schön, und wir haben soweit eine so schöne Witterung wie sie schon viele Jahre nicht gewesen ist. Der Viehpreiß ist sehr hoch, ein paar Ochsen um 400 fl. Sind gar nicht groß. Saugkälber werden bis zu 50 fl verkauft, ein paar Saugschweine kosten 16 bis 20 fl. Lieber Kamerad mein Bruder Hans erbauet bei Schreiner Holl in Altenplos das Schreinerhandwerk und wird im künftigen Herbste von der Lehre frei. Ich möchte Dich daher ersüchen mir zu schreiben, ob dieses Handwerk in Amerika ein gutes ist oder nicht. Im Falle derselbe Lust bekommen sollte noch Amerika zu gehen, würden ihn meine Eltern nicht abhalten.




