Sammlung: Hilgard Letters

Verfasser: Theodor Erasmus Hilgard

Empfänger: Maria Dorothea Engelmann (Hilgard)

Bezeichnung: Brief von Theodor Hilgard an seine Mutter Maria Dorothea Hilgard, 22. Mai 1839.

Theodor Hilgard an Maria Dorothea Hilgard, 22. Mai 1839

Original text

[page 1:] Copie Mountain-house bei Belleville, d. 22. Mai 1839. Theuerste Mutter! Ich will gleich damit anfangen zu sagen, daß seit dem Abgange meines letzten Briefes, (vom 20. März) der Gesundheitszustand in meinem Hause nicht weiter gestört worden ist, außer daß meine Frau einen vorüber- gehenden Anfall ihrer alten, schon aus früherer Zeit herstammenden u aus Deutschland mitgebrachten Uebel (Hämorrhoidal beschwerden u damit verbundene Nervenleiden)— hatte, von dem sie aber wieder genesen ist. Die Krankheitsgeschichten scheinen uns endlich definitiv abgethan zu seyn, — Hoffentlich auf ziemlich lange Zeit;— wenigstens hätten wir es verdient durch das, was wir in diesem Punkte seit 6 Monaten gelitten haben u ich glaube ein wenig an daß, was die Alten im höhern Sinn Nemesis nannten; d. h. an eine gleichheitliche Vertheilung von Freud' und Leid in dieser Welt, so weit nicht der Mensch sich selbst sein Schicksal macht.— Am vergangenen Sonntage vor 8 Tagen (12. d. M.) war die Hochzeit unserer Molly: Wir feierten sie, wie sichs unter den obwaltenden Umständen gebührte ganz geräuschlos. Außer den Hausgenossen und Edward waren von Tyndales Seite nur dessen Schwester, Frau Mitchell in St. Louis (eben so schöne als liebenswürdige Dame)— u von der unsrigen nur Onkel u Tante Engelmann, als Familien- Aelteste u als unsere liebsten u verehrtesten Freunde dieseits des Ozeans, dabei zugegen. Das junge Paar reiste noch an demselben Tage nach Philadelphia ab, d. h. zunächst nach St. Louis, wo sie in ein Dampfboot gingen. Alles läßt hoffen, daß sie miteinander glücklich seyn werden, obschon ich eine gewisse Aengstlichkeit die jedoch auf keinem positiven Grunde beruht, nicht aus meinem Gemüthe verbannen kann. Philadelphia ist in gerader Linie etwa 900 engl. Meilen, nach dem Wasserweg, welcher gewöhnlich genommen wird, gegen 1400 M. von hier entfernt,- nach europäischen Begriffen eine ungeheuere Entfernung, die kaum die Hoffnung des Wiedersehens gestattet, nach amerikanischen eine sehr mäßige, kaum so weit, als etwa von Speyer nach Paris. Auch sind bereits allerlei angenehme Projektchen zum Wiedersehen gemacht, wovon das Eine oder das Andere wohl zur Ausführung kommen könnte u die einstweilen mächtig dazu beitragen, bei Mutter u Schwestern das Leid der Trennung zu mildern. — Im Übrigen steht Alles gar wohl bei uns. Wir haben ein köstliches Frühjahr, mit eben so angenehmer als gedeihlicher Witterung. Mein Roggenfeld hat schon abgeblüht, Waizen u. Gerste stehen in Aehren, die Kartoffeln sind über einen Fuß hoch, u einige Weinstöcke, die dieses Jahr ihr Probestück machen wollen, stehen in voller Blüte. Auch mein Obstbaumstück, dessen Hauptbestandtheil aus etwa 100 jungen Aepfelbäumen besteht, trägt in diesem Jahre zum Erstenmal, was nur um so interessanter ist, da ich nun erst erfahren werde, aus welchen Sorten sie bestehen. Bis jetzt weiß ich nur so viel, daß der frühere Eigenthümer auf die Anlegung des Obstgartens viele Sorgfalt verwendete u die Bäume mit großer Auswahl u zum Theil von [?]fercher[/?] anschaffte; sodaß ich wirklich recht neugierig bin. Ich habe auch eindutzend Birnbäume, aber sie tragen noch nicht u scheinen überhaupt nicht recht hier gedeihen zu wollen. An meinen zahlreichen Pfirsichbäumen hat mir ein unzeitiger Nachtfrost wieder alle Blüten verdorben. Auch für edlere Kirschen- u Pflaumensorten scheint das Klima nicht geeignet zu seyn, wahrscheinlich weil es nicht gleichmäßig genug ist. Ueberhaupt muß man sich, wenn hier zu Lande von einem Obstgarten die Rede ist, in der Regel nur Apfelbäume, nebst Pfirsichen u einer kleinen Art Amorellenkirschen vorstellen. Die übrigen feinern europäischen Obstarten sind noch nicht einheimisch hier, u es ist, wie gesagt, sehr zweifelhaft, ob das Klima sie zuläßt. Aepfel gedeihen dagegen fast jedes Jahr trefflich— (wurmstichige giebt es hier gar nicht)— u die meisten Obstgärten haben sehr mannigfaltige u mit unter sehr ausgezeichnete Sorten.— Am letztvergangenen Sonntage (Pfingsten) war wieder das jährliche allgemeine deutsche Picnic, auf einer hübschen Waldstelle in der Nähe der Engelmannschen Farm. Die Versammlung war zahlreich, man könnte fast sagen glänzend u. zeigte recht deutlich das Fortschreiten der deutschen Bevölkerung in hiesiger Gegend (*) obwohl eigentlich nur der gebildetere Theil derselben Antheil daran nahm. Mehr als 200 Personen schmausten, conversirten, spielten u musizirten zusammen, ohne alle Unterbrechung des Anstandes. Die hiesigen deutschen Familien hatten für ein reichliches Mahl, die Theilnehmer von St. Louis für die Weine gesorgt, so daß alles recht flott herging, ohne Lärm u Uebermaß. Es ist überhaupt wahrhaft wunderbar, wie in allen Beziehungen die Dinge seit den drei Jahren unseres hier seÿns (*) Bei einer Zählung, die vor einiger Zeit in St. Louis stattfand, zeigte sich, daß dort über 5000 Deutsche wohnen! [page 2:] vorwärts gegangen sind u sich ins Große gestalten. Man glaubt manchmal zu träumen. Auch manche Behaglichkeiten des Lebens, die man früher als Seltenheit betrachtete, sind seit dem allgemein geworden. So war es, z.B. vor 3 Jahren noch schwer, sich ein gutes Glas Wein zu verschaffen, u man mußte enorme Preise dafür bezahlen. Jetzt ist dies ein gewöhnlicher, auch keineswegs besonders theuerer Artikel, u. ich muß gestehen, daß mein Keller hier weit besser damit versehen ist, als er es in Zweibrücken war. Wer z. B. in diesen Augenblick zu mir käme, hätte die Wahl zwischen einem Glas Champagner, Madera, Portwein, Gimmeldinger oder Bordeaux. Freilich will ich nicht läugnen, daß dabei einige Reste von der Hochzeit sind, u daß dies nicht der ordinäre, Status serum ist. — Ich wollte noch einige Nachrichten von unsern Verwandten aus dem Settlement geben, aber mein Raum ist zu Ende, u so will ich dies für meinen nächsten Brief — der nicht so lange auf sich wird warten lassen, versparen. Tausend Grüße, wie immer! Ihr Tr. Sohn Th. Hilgard Sen. An Onkel Peter. Speyer den 10. July 1839. Lieber Onkel! Da ich voraussetze, daß diese Copie Ihnen zugesandt wird, so füge ich, zur Ersparung des Raums, diese Zeilen bei. Ihr Briefchen vom 23. Juni habe ich erhalten. Meine Reise nach Cöln wird sich verzögern: vor wenigen Tagen erhielt ich ein Schreiben von Hr. Bauerband, worin er sehr bittet, die Conferenz auf die Ferien zu verschieben, weil er jetzt sehr mit laufenden Arbeiten überhäuft sey, und jeder noch seine Sache abgethan wissen wolle, und er daher unmöglich vor den Ferien so viel Zeit gewinnen könne, um unsere voluminösen Ackten zu studiren u sich dadurch zur Conferenz vorzubereiten. Nun hatte er zwar blos meine Denkschrift zu lesen, um einen Ueberblick des Ganzen zu gewinnen; allein ich wurde doch wenig mit ihm ausrichten, was mir um so unangenehmer wäre, da ich die Redaction einer zu druckenden Denkschrift mit ihm besprechen möchte. Es wird daher besser seyn, die Paar Monate noch zu warten; u ich will ihn nun ersuchen, gegen das Ende September, als der mir passendsten Zeit, zur Conferenz bereit zu seyn. Die Reise wird natürlich als dann nicht mehr so angenehm seyn, als jetzt, wo man von hier bequem in einem Tage in Cöln seyn kann; aber das ist Nebensache. Außer dem obigen Briefe meines Briefes Bruders haben wir kürzlich noch auf andern Wegen viele Nachrichten aus Am. erhalten, theils durch mehrere Briefe auf Sohnes Fritz, an seine Brüder Gustav & Otto, theils mündlich durch einen jungen Mann, welcher aus Haßloch bei Neustadt mehrere Monate bei Fritz gearbeitet und erst vor 6 Wochen die Kolonie verlassen hatte.* Er brachte allerhand, von Otto früher zurückgelassene Bücher u Papiere u ein kleines Briefchen [?]uns Sohnes[/?] mit, worin wir auf die mündlichen Mittheilungen verwiesen werden. Diese sind im Ganzen guten Inhalts u bezeugen ebenfalls die raschen Fortschritte der dortigen Bevölkerung u Cultur. Das Probefässchen Wein, welches Sie verlangen, werde ich Ihnen senden, wenn die größte Hitze vorüber ist; — allenfalls in der ersten Hälfte des September, wo ich fast das ganze Bolander Gut loosweise will versteigern lassen. Der Zeitpunkt dazu ist sehr günstig. Wir alle sind wohl, die Mutter mit eingeschlossen, welche ihr kleines Blumengärtchen sehr eifrig hegt u pflegt, noch selbst das Wasser zum Begießen schöpft, zwei gefüllte Gieskannen zugleich trägt da. Mit ihrer neuen Pflegerin sind wir bis jetzt sehr zufrieden; sie ist sehr aufmerksam u zuvorkommend, u. dabei stets heiter u freundlich. Die Mutter grüßt herzlich mit mir. Th.