Sammlung: Hilgard Letters

Verfasser: Theodor Erasmus Hilgard

Empfänger: Maria Dorothea Engelmann (Hilgard)

Bezeichnung: Brief von Theodor Hilgard an seine Mutter Maria Dorothea Hilgard, 12. Juni 1840.

Theodor Hilgard an Maria Dorothea Hilgard, 12. Juni 1840

Original text

[page :1] Datum meines letzten Briefes = 6 April 1840. Mountain - Farm, 12 Juny 1840. Beste Mutter! Ich habe diesmal etwas länger als gewöhnlich mit meinem Briefe gezögert, allein ich denke daß Sie mich gern entschuldigen werden, wenn ich Ihnen die Ursachen sage. Fürs erste nämlich wird Edward ohne Zweifel in der Zwischenzeit angekommen sein und über Vieles mündliche Mittheilungen gemacht haben. Fürs Zweite war ich in dieser Zwischenzeit häufig unwohl. Es scheint nämlich, daß in diesem Jahre— ob schon man sonst wenig von Krankheiten hört und die Witterung meist herrlich ist bei mir der Akklimatisirungs¬ Prozeß vor sich geht, was freilich wunderlich genug ist, da ich nun bereits im 5. Jahre hier lebe. Vor etwa zwei Monaten machte ich mit meiner Rose einen Ritt zu Freund Ledergerber und trank bei dieser Gelegenheit vielleicht in einem Augenblicke, wo ich etwas erhitzt war, einige Gläser Cider. Am folgenden Tage befiel mich das Wechselfieber (übrigens ohne alle weitere gefährliche Symptome) und seit dem bin ich es nicht im ganzen vollständig los geworden. Ich habe gewöhnlich drei Anfälle. Dann weicht das Fieber der Medizin, aber jedes mal nach drei Wochen kehrt es pünktlich zurück. Dies mal hoffe ich jedoch mit Hülfe einer sehr geregelten Diät Meister darüber zu werden. Die übrigen Mitglieder, meiner Familie sind vollkommen wohl und ebenso unsere sämmtlichen Verwandten im Settlement und in Belleville. Wir leben jetzt hier in einer interessanten Zeit. Der Kampt zwischen den beiden politischen Systemen, die jetzt die Vereinigten Staaten theilen, entbrennt täglich lebhafter, da der Tag der Entscheidung - die nächste Präsidentenwahl immer näher heranrückt. Man hört von nichts mehr reden, als von Aristokratenthum und Demokratenthum, wie zur Zeit der französischen Revolution, und die ganze Bevölkerung ist in eben so großer Aufregung wie damals, nur auf friedlichere Weise. Ich muß gestehen, daß das feurige Interesse¬ welches hier Jedermann an den öffentlichen Angelegenheiten nimmt, mir als etwas sehr Schönes und Großes vorkommt, und besonders erfreut es mich, daß auch die gemeinere Klasse der Deutschen in hiesiger Gegend, die sich früher in solchen Dingen immer sehr pflegmatisch und gleichgültig zeigten, diesmal einen wahren Feuereifer beweisen. Es haben sich sowohl in Belleville als in den angrenzenden Gegenden, wo bedeutende deutsche Ansiedelungen sind, deutsche demokratische Redeverein, zur regelmäßigen Besprechung und Diskusion der öffentlichen Angelegenheiten gebildet, und ich bin stolz darauf, daß fast alle Deutsche, die Gemeinen wie die Gebildeten, wie durch Instinkt der guten Sache d. h. der demokratischen-zugethan sind, obschon die Gegenparthei alle möglichen Ver¬ führungsmittel anwendet und manche Scheingründe für sich hat, die den Unwissenden leicht bestechen könnten. Ich selbst finde sehr oft Gelegenheit, der demokratischen Sache gute Dienste zu leisten; und so Gott will, werden wir den alten General Harrison und seine Whigs am Tage der Wahl aufs Haupt schlagen. Dieser Tage, kam ein alter Elsäßer, der in meiner Nähe wohnt, zu mir um mich über diese Dinge um Rath zu fragen; er könne aus all dem vielen Gerede nicht recht klug werden. Ich fragte ihn, ob er sich nach der Aristokraten und Patrioten aus der französischen Revolution erinnere, und nachden er mir mit vielem Feuer erzählt hatte, daß er als ein junger Mann von 20 Jahren dem Federations- Fest in Paris beigewohnt habe, so sagte ich ihm blos, die Whigs seien heut zu Tage die Aristokroten und die Demokraten die Patrioten: "Sacre bleu!" rief da mein alter Nachbar — wenns so ist, so weiß ich genug und ich wills allen meinen Bekannten sagen, verlaßt Euch drauf. Solche Argumente gehören war nicht zu den allergründlichsten, wohl aber zu den wirksamsten. Daß übrigens die Deutschen die Art, wie sie jetzt auftreten, bei ihren amerikanischen Mitbürgern immer mehr in Ansehen steigen, ist leicht zu ermessen. Ich bin überzeugt, daß Ihre Stimme im Bezirk St. Clair bei der Wahl den Ausschlag geben wird. Daher wird ihnen auch von beiden Partheien förmlich der Hof gemacht. In dem letzten Briefe, den Onkel und Tante Engelmann von ihrer Tochter Gretchen erhielten, waren einige liebe herzliche Zeilen des Onkels in Arnsberg an mich eingeschlossen. Ich kann nicht beschreiben, wie sehr dieses Briefchen mich erfreute und rührte. Aber Gretchen schrieb zugleich, daß der gute Onkel nach späteren Nachrichten bedenklich Krank gewesen sei, und seitdem haben mir keine weitere Nachricht, hierüber. Ich bin deshalb in großer Unruhe, und bitte Sie recht sehr, liebste Mutter, mir doch recht bald mitzutheilen, oder auf irgend eine Weise mittheilen zu lassen, ob der Onkel wieder gesund ist. Der Himmel erhalte den herrlichen Mann noch recht lange den Seinigen und uns Allen! Die Äußerung des Onkels, daß sein Sohn Theodor öfters an ihn die noch unentschiedene Frage richte "was er werden solle" erinnert mich an meinen Vorsatz, Ihnen über die künftige Bestimmung meiner eigenen Söhne etwas mitzutheilen. Die beiden Ältesten, Julius, jetzt 15 1/2 Jahre alt, und [page :2] Wilhelm, nächstens 14 Jahre alt haben bereits ihren künftigen Beruf entschieden gewählt und zwar mit meiner vollen Zustimmung. Julius hat ausgezeichnete Anlagen und Neigung zu mathematischen Studien, und soll daher Ingenieur, Architekt und Mechaniker werden. Er hat bereits mehrere wichtige Theile der Mathematik (Geometrie, Stereometrie, Algebra und Trigonometrie) durch Privatstudium unter meiner Leitung durchgearbeitet, und zwar mit so gutem Erfolg daß sich sein Beruf zu diesem Fache deutlich erkennen läßt. Ich will ihn nun seine Privatstudien noch eine Zeitlang fortsetzen lassen, dann eine Gelegenheit suchen, ihn einige Jahre praktisch in dem Fache zu beschäftigen, und dann gedenke ich ihn nach Deutschland zu senden oder vielmehr zu begleiten, um unter der Leitung meines Schwagers August Pauli sich vollends auszubilden. Doch mag dieser Plan noch einige Modifikationen vielleicht erfahren in der Folge. Wilhelm ist mit Leib und Seele Landwirth, träumt von nichts als von einer recht schönen und großen Farm, führt bereits den Pflug meisterlich und fühlt sich in seiner ländlichen Thätigkeit so glücklich, daß er oft buchstäblich vor Vergnügen in die Höhe springt, wenn er irgend eine Arbeit mit guten Erfolge beendigt hat, oder einen unserer Äcker in recht erfreulichen Zustande sieht. Ich freue mich sehr über diese Vorliebe, den ich halte den Stand des Landwirths, besonders hier in Amerika, für den ersten, schönsten und reinsten,— vorausgesetzt daß er nicht mit Unwissenheit und Rohheit der Sitten verbunden sei, was ja ganz und gar nicht wesentlich dazu gehört und auch eigentlich nur in Europa in Folge historischer Verhältnisse in der Regel dabei angetroffen wird. Mein hiesiges Gut hat jetzt etwa 35- 36 Acker in Cultur; allein mehrere Disrikte desselben eignen sich herrlich zur weiteren Urbarmachung, und ich will nach und nach bis zu 50 Aker in Bau nehmen, um Wilhelms Thätigkeit einen gehörigen Wirkungskreis zu geben. Auch wollen wir nun nächstens einen Ausflug nach Wayne County (etwa 36 Stunden östlich von hier) machen, wo ich 480 Aker erkauftes Staatsland besitze, und zu sehen, ob es sich zur Anlegung einer schönen Farm eigne, und von einstweilen deshalb die vorläufigen Einleitungen zu treffen. Wie baut sich doch die Zukunft so fest und sicher auf Landbesitz. Gesetzt, alle meine Söhne sollten in ihrer sonstigen Laufbahn scheitern, so würden diese 480 Aker ja hinreichen, sie allesammt zu ernähren, wenn sie sich mir regen wollen. Daher macht mir die Zukunft meiner Kinder in der That wenig oder gar keine Sorge, und hier liegt, wie mir scheint, einer der größten und wichtigten Unterschiede zwischen Europa und Amerika. Das eben Gesagte erinnert mich an Theodor Krafft der seine merkantilische Laufbahn ganz aufgegeben zu haben scheint, und nun mit großer Thätigkeit daran ist, einige Hundert Aker Land, die seine Frau in der Nähe von Belleville besitzt, in eine Farm zu verwandeln, und künftig dort zu leben, wenigstens bis bessere Zeiten kommen. Und somit schließe ich für diesmal. Sollte mein nächster Brief wieder etwas zu lang auf sich warten laßen, so bitte ich, liebste Mutter, es dem Umstande zuzuschreiben, daß Edward jetzt draußen ist, der alles Detail unsers Lebens und Treibens so genau kennt und ihnen nach und nach Alles so vollständig erzählen wird, daß ich befürchten muß, lauter bekannte und so nach langweilige Dinge zu schreiben, welche Materie ich auch berühren möge. Herzliche Grüße an Alle, Ihr treuer Sohn Theodor Hilgard senior.