Empfänger: Babette Tritschler

Bezeichnung: Brief an Charlotte von Hofeln von ihrer Schwester Babette Tritschler, 12. Oktober 1874.

Babette Tritschler an Charlotte von Höfeln, 12. Oktober 1874

Original text

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Kirchheim d. 12 Okt 1874

Liebe theure Schwester!

Du wirst denken ich könnte gar gestorben sein weil ich so gar lange nicht schreibe, es diesmal verschidene Ursachen daran schuld: Ich war letzten Frühling bad [bald] 4 Wochen recht unwohl Marile kam ende April in das Wochenbett & weil ich es versprochen hatte über diese Zeit wider zu ihr zu kommen so mußte ich eben das Werk trotz aller Schwache angreifen den die Leuthe sind hir so rar daß man sie immer lange voraus bestellen muß Die
erste Woche ist es mir recht sauer geschehen aber dann kam es nach & nach besser & der Appetitt kam wider ich konnte Gott nicht genug danken für den gnädigen Beistand, die Marie hatt dieses mal ein Büble bekommen er ist ein recht liebes gedeihliches Kind und hatt in der Taufe den Namen Max erhalten
Marile konnte den kleinen wieder stillen jetzt bekommt er nur noch bei der Nacht so lange
die Marie noch im Bette lag ist ihr Mann krank geworden in folge von überanstrengung es fehle im [ihm] im Magen & Unterleib

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verbunden mit furchtbarer Müdigkeit er mußte auf anrathen des Artztes auch mehrere Wochen Urlaub nehmen & eine Reiße auf den Schwarzwald machen und dort die stärkende Tannenluft genießen er kamm viel beßer zurük als er fort gegangen war denn Er war so schwach daß Er kaum noch gehen konnte im September wo dann Schulvakanz war machte Er noch einige Reißle auf diese Er sich fast wider so wohl als vorher befundet er hatt nun einige Sachen was Ihn am meisten anstrengt aufgegeben in erster Reihe die Kirchenmusick bei mir hatt die ungewöhnliche Anstrengung sehr nach theilich auf die Augen gewirkt Lesen & schreiben sollte ich gar nicht die Augen können die Helle nicht leiden ich habe fast immer die Brille auf welches für meine Augen Wohlthuend ist ich nehme mir jetzt vor kurz & lieber öfter zu schreiben das geschribene noch einmal durchzulesen nun der Fehler willen kann ich schon länger nicht mehr thun da schmerzen mich die Augen es ist ein großer Fehler wenn es die Augen krank sind wenn es der l.Gott mir nicht noch schlimmer kommen läßt darum ich Ihn immer bitte. Warum hast du den deine projecktirte Reiße hieher nicht ausgeführt? Wo Ihr so ein gutes Jahr gehabt

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und hattest schon etwas daran wenden können es freut mich recht daß Ihr von Gott so gesegnet seid und dieses Jahr seien die Ernten im Amerika wider so gut gewesen was hatt die l. Pauline für einen Sommer gehabt bessert sich Ihr Ärmchen nicht auch allmälich hir wird seit neuerer Zeit bei vielen Krankheiten besonders auch bei Lähmungen der Lebensmangnetismuß angewendet & zwar mit dem besten Erfolg das geschiht durch eine Person welche viel mangnetische Kraft diese streicht mit der Hand den kranken Theil von oben nach unten es ist wirklich eine Person welche an den Krücken gehen muß in solcher Behandlung wenn diese Gesund wird dan mußt du mit der l. Pauline nachsten Sommer kommen der l. Alexander hatt nun schon ein schönes Einkommen auch freue ich mich mit Euch Eltern daß Eure l. Kinder auch die schmale Bahn betretten haben welche zum ewigen Leben führt. Julie hatt mir auch seit langer Zeit wider geschrieben & mir das Bild von ihrer Johanna geschikt welches auf uns Alle einen guten Eindruck machte Sie ist hübsch & hatt
etwas entschidenes in ihren Zügen wir meinen Sie habe etwas von den Erotischen

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Wir hatten heuer ein sehr ergibiges Jahr an Brodfrüchten Obst & Wein das Obst fehlte bei uns schon seit 1867 seither spärlich und dismal war auch schon die Hoffnug verlohren, weil wir im Mai noch anhaltend kalt hatten aber der Herr hatt gezeigt was Er kann


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Die Julie hatt sich recht übel gethan daß Sie sich von euch getrennt hatt, Sie klagt auch über schwache Augen daß aber auch nicht viel zu verdinen sei weil man strick & Nähmaschinen habe Sie könnte nicht durchkommen wenn Sie ihre Johanna nicht unterstützen würde Sie thue was ihr möglich sei, es ist mir unbegreiflich daß Sie doch zum zweitenmal die schwesterliche Heimath verlassen hatt wo sie doch schon einal [einmal] versucht hatte unter ganz fremden Leuthen zu leben & Hunger & Kummer gelitten hatte ich glaube daß Sie gerne etwas von Euch annehmen würde denn der Herr sagt, liebet eure Feinde thätige Liebe hatt großen werth bei
Gott das wären auch feurige kohlen auf ihr Haupt sie schreibt auch daß Sie sich oft und viel sehr schwach fühle das wird von d der geringen Nahrung herkommen im Alter kann man kräftige Kost brauchen das spühre ich auch das ist ein Hauptgrund der auch bestimmt zum Marile zu zihen das geschiht noch diesen Monath da ich doch die meiste Zeit bei ihnen bin und mir immer das hin und her gehen habe komme ich Winter 6 [Uhr] späth heim ein kaltes Zimmer antreffe so wird es besser sein wenn ich es so mache auch werde ich mit Liebe aufgenommen.

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ich bekomme ein schönes Zimmer gegen den Schloßplatz mit gutem Ofen unsere Johanna ist auch recht gewachsen ist ein feines Kind mit blonden haaren diesen Monath wird sie schon drei jahre alt es ist eine sehr schönes Logie welches Sie bewohnen in
dem alten Oberamtsgericht am ende des Marktplatzes, wenn es nun der wille Gottes wäre daß mein Tochtermann jetzt gesund blibe und meine Marie auch diese hatt eine große Freude an ihrem Mäxle der ist ein gar gutes Kind & arg freundlich & libens würdig, ich bin dann recht froh wenn ich Sie in ihrer Haushaltung & bei den Kindern unterstützen kann der l. Gott wird mir doch auch die Kraft schenken den ich bin nun wider wie vorher nur daß
ich balder müde werde als nur vor 6 jahren man nimt aber so almälig ab im Alter bis die Zeit da ist wo es heißt bis hieher & nicht weiter deswegen es recht
nothwendig ist zu wachen & beten & Oehl in den Lamppen zu halten, fromme Manner glauben daß die letzte drangsalszeit ganz nahe ist der Anteichrist
mir noch in Person hervor tretten darf

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und daß der Herr wahrhaftig kommt mit den heiligen und seine Gläubigen hir auf der Erde erretten wird, mit den Heiden ist eine große rührigkeit auf der Insel Madagaskar ist eine große Erwekung diese Insel in Ostafrika ist so groß wie Deutschland dort ist ein großes verlangen nach Bibeln 3 bis 4 Tagreisen weit kommen Sie zur Hauptstadt um Bibeln zu bekommen
und sagen nach diesem Wort Gottes wollen Sie leben kurz das Wort Gottes ist lebendig unter Ihnen.

Schreibe mir auch ob Ihr diesen Sommer schon gebaut habet, der Bruder von Jahn Schwab. Frid. Schwab ist diesen Frühling gestorben in Peoria an
Schlundverengerung er habe im waren Sinn des Wortes verhungern müssen, voriges jahr war Er und seine Frau auf Besuch bei ihren Verwanten & da haben Sie mich auch besucht.

nun lebe wohl l. Schwester es grußt dich nebst dem l. Andereas und Deinen l. Kindern auf das herzlichste
Deine treue Schwester B. Tritschler

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recht viele grüße von der Marie an Euch l. Alle

[envelope, front:]

per Steamer Hamburg
oder Bremen
Mrs.Charlotte v. Hoeflin
Washington jllinois

paid

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[illegible]M U/TECK

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