Sammlung: Crede Family Papers

Verfasser: Heinrich Carl Crede

Empfänger: Hermann Carl Crede

Bezeichnung: Brief von Heinrich Carl Crede an seinen Sohn Hermann Crede aus dem Sommer 1878. Der Brief lässt sich anhand der Hinweise Heinrich Carl Credes auf die bereits erfolgte Hinrichtung Max Hödels, der ein Attentat auf Kaiser Wilhelm I. verübt hatte (16. August 1878), ), und auf den bevorstehenden Tod von Karl Nobiling, einem weiteren Attentäter, der am 10. September 1878 stattfand, datiert werden.

Heinrich Carl Crede an Hermann Crede, 1878

Original text

Mein vielgelibter Hermann!

Zuerst meinen besten Dank für Deinen l. Brief er ist recht sön vor Dir daß Du uns sobald wiede geschriben hast ach Du glaubst nicht wie sehr wir uns freuen von Euch zu höhren u zwar so gutes ach der Freud ist uns so wenig beschiede Deine Schwestern sind zwar verheiratet aber schlecht versorgt u wir haben Therese wegen nur Sorge u Kummer u Wilhelm singt auch gewönlig nur klage Lieder wenn Er schreibt, um so größer war unsere Freude von Dir zu hören das es Im doch recht gut geht, Ach hätte doch die Medchen meine so instendige Bitte gehört u hätte nicht geheiratet es ist hir doch gar zu teuher u ein Frau hat nur Sorge u Arbeit doch geschehen Dinge sind nicht zu ender._

Zu Euren klein Sohn Frans meine besten glück Wünsche, es ist doch recht schade das Euer Se Fran Anton, nicht mehr lebt so wehr es doch es tuth mir um so leiter da er grade den Namen meines so früh verstorbenen Vater hatt, mein Vater hies Franz Anton. Herr Bertels hat uns so viel Liebes u gutes von Dir u Deinen prestigen Jungens beysonders von Karl erzehlt das ich den alten Herm ordenlich lieb

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Leben keine lästige Beschränkungen auferlegen u. kann somit der Zukunft ruhig entgegensehen. Einen Versuch zu machen, meinen ehemaligen Gehalt als Pension zu erlangen, hat so wenig Aussicht auf einen günstigen Erfolg, daß ich wohl davon absehen werde, obgleich mir, meinen früheren Dienstgenossen gegenüber großes Unrecht wiederfahren ist._

Mit Verwunderung ersehe ich aus Deinem Schreiben, daß Ihr bereits am [underline:] 10. Juni [/underline] mit der WaizenErnte begonnen-, während hier bis heute noch nicht [underline:] aller [/underline] Waizen zu Hause ist; woran theilweise auch das ungünstige Wetter schuld ist; wir haben [strikethrough:] fast [/strikethrough] den ganzen Sommer über fast täglich _ mit geringer Ausnahme Regen u. kaum eine Woche [underline:] heißes [/roman] Wetter gehabt. Hoffentlich wird bei Euch der dem Maiskorn so nötige Regen eingetreten u. eine reiche Ernte bewirkt haben, was ich von Herzen wünsche.

Nach unserem Umzug, Anfangs [roman:] October c. [/roman] wird Deine gute Mutter wieder nach [roman:] Straßburg [/roman] wandern, um [roman:] Theresen [/roman] beizustehen. Ich werde nachreisen, sobald dort Alles glücklich vorüber ist u. werden wir dann wohl unseren Aufenthalt für längere Zeit in [roman:] Straßburg [/roman] nehmen.

Deiner Tante [roman:] Louise [/roman] geht es gut, sie hat uns kürzlich auf

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auf einige Stunden besucht, mal über Nacht bei uns zu bleiben, dazu kann sie sich nicht entschließen, ich glaube wohl, daß sie zu ängstlich ist, ihr Vermögen eine Nacht allein zu lassen._

Versäume nicht ihr einmal zu schreiben, worüber sie sich sicherlich außerordentlich freuen würde. Deine Schwester [roman:] Adelheid [/roman] mit Familie befindet sich wohl, deren älteste Tochter [roman:] Clotilde [/roman] geht nunmehr zur Schule u. die 2t. ist am 25t. d. M. 5 Jahre alt geworden, es sind ein paar liebe Kinder. Von [roman:] Albert Harnickell [/roman] in [roman:] Newyork [/roman] _ der wo sonst_ habe ich seit Jahren ebenso wenig wie von seiner Schwester [roman:] Minchen [/roman] _ die ihm nach [roman:] America [/roman] gefolgt war,- etwas gehört. Die letzte Nachricht die ich über [roman:] Albert [/roman] aus dritter Hand hatte, war die unerquickliche, daß er in [roman:] Newyork [/roman] fallirt habe. [roman:] Minchen [/roman] ist verheirathet,- wo weiß ich nicht_, soll aber von ihrem Manne getrennt leben, sie hätte besser gethan hier zu bleiben. Daß [roman:] Curt Harnickell [/roman] schon vor Jahren in [roman:] America [/roman] verstorben, habe ich Dir wohl zur Zeit bereits mitgetheilt. Daß der Verbrecher [roman:] Hödel [/roman], welcher Anfangs [roman:] Mai c. [/roman] auf unseren Kaiser einen Mordversuch machte, vor Kurzem hingerichtet ist, wirst Du wohl in den Zeitungen gelesen haben. Der spätere Attentäter [roman:] Dr. Nobeling[1] [/roman], welcher den Kaiser durch zwei Schrotschüsse bedeutend verwundete, wird wohl seinem Collegen [roman:] Hödel [/roman] bald nachfolgen. Der Kaiser ist nunmehr wieder hergestellt u. wird am [roman:] 20. d. M. [/roman] eine große Parade des 11n. ArmeeCorps bei [roman] Wabern [/roman] abhalten. Die Freude über die Wiederherstellung des Kaisers ist eine allgemeine. Der Kronprinz führt gegenwärtig noch die Regierung im Namen des Kaisers.

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An mein jetziges Faulenzer Leben habe ich mich ganz gut gewöhnt, Zeit u. Weile wird mir nicht lang, wozu meine kleine Bibliothek auch das ihrige beiträgt. Des Morgens mache ich meinen Spaziergang, trinke dann vor Tisch auf dem Felsenkeller in der Cölnischen Allee ein Glas Bier, speise dann zu Mittag, lese danach Zeitungen u. pflege eine Stunde der Ruhe. Gegen Abend mache ich wieder einen Gang, der damit schließt, daß ich den Felsenkeller wieder besuche u. mir den Schlaftrunk hole. Du siehst hieraus, daß mir mein Leben nicht sauer wird, obgleich ich immerhin meine Sorgen habe, doch welcher Mensch hat keine Sorgen? _

Ich würde mich sehr gern bestreben, meine Zeit noch zu verwerthen, um Etwas zu verdienen, woran ich jedoch durch meine krankensteife Hand, die mir das Schreiben sehr beschwerlich macht, verhindert werde; ich muß mich daher mit dem begnügen, was ich im Leben geleistet habe. In der Hoffnung bald wieder von Dir zu hören u. mit den besten Wünschen für Euer Aller Wohlergehen verbleibe ich in Liebe Dein treuer Vater.

Herzlichste Grüße Euch Allen.

Anmerkungen

  1. ^ "Dr. Nobeling" = "Karl Eduard Nobiling"