Sammlung: Benecke Family Collection
Bezeichnung: Brief der Familie Benecke, 2. Juni 1908.
Brief der Familie Benecke, 2. Juni 1908
Original text
[roman] Dahme (Mark) [/roman] 2.6.08.
Mein lieber, alter Herzensjoseph! Eigentlich solltest du diesen Brief u. Alma ihren Pfingst=gruß ganz pünktlich zum Fest haben, aber die Hitze ist diesem Jahr schon [underline:] zu [/underline] groß. Was uns daran [insertion:] im vorigen Jahr [/insertion] in Hasserode fehlte scheint der diesjährige Sommer reichlich nachzuholen. Mir steigt das Blut so leicht zu Kopf wenn ich mich beim Schreiben bücke u. das nahmen meine dummen Augen denn übel. Sollte Euch dieser Gruß vor Eurer Abreise nach Chicago nicht mehr er=reichen, wird ihn dir Euer lieber Postmeister Otto aber gewiß u. sicher nachschicken.
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Hoffentlich verlebt Ihr dort eine recht schöne Zeit mit Lucy ihrem Mann u. ihren Kleinen. Ich ver=mute Klein-Theddy wird mehr bei der Graßie sein wie zu Haus. Aber Louis? wird ihm die die=se Politik viel Ärger u. viel Arbeit bringen? Das täte mir sehr leid. Da du in Chicago keine Haushaltungssorgen fest, kannst Du mir eigentlich mal ein bis=chen was Näheres über seine dortigen Tätigkeit u. Eure Wahl=aussichten schreiben. Ja? unsre hiesigen Zeitungen bringen so viel Dummes u. so viel Namen, daß man ganz "verbiestert". Besonders auch weil m. armer Kopf sich noch gar nicht recht von den
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Winteraufregungen erholt hat u. von der Anstrengung (3); meinen "Hopphei" an Möbeln u. Sachen nach 10 monatlicher Abwesenheit wenigstens einiger=maßen in die gewohnte Ord=nung zu bringen. An m. "Schwiegerkinder" habe ich auch fleißig schreiben müssen. Sie sind am 12ten Mai im Hause von Martas Freunden ganz still getraut u. seitdem in der Schweiz. Otto nahm dazu 4 Wochen Urlaub. Erholung tat ihm auch wirklich not; der Schmerz über den Tod seiner Tochter hatte ihn zu sehr mit=genommen. Jetzt aber schreibt er recht glücklich u. dankbar; ebenso
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Marta. Ich hoffe, Beide wieder in dieser Gemeinschaft ihren Lebensabend heiter u. gemüt=lich beschließen. Frieda findet, Marta hätte die Verpflichtung Otto noch eine Tochter zu schenken. Was meinst du zu der Möglichkeit? Marta ist 45 Jahre u. Otto 57. Meinem un=erfahrnen Tantengemüt scheint die Sache etwas schwierig u. unwahrscheinlich. - - Wenn sie erst wieder zu Hause sind, will ich mal rüber=fahren. Diesen ersten Be=such habe ich [strikethrough:] p [/strikethrough] ihnen schon lange fest versprechen müssen. Und da die Fahrt nur 6 M. kostet (ich rechne meine Reise-Ent=fernungen
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nämlich nicht nach Meilen sondern nach Mark), werde ich es eines schönen Sonntags auch wohl aus=führen. D. 5.6.08. Noch ehe ich dir ausführ=lich für deine damalige Zeitungssen=dung [insertion:] danken [/insertion] konnte, kam gestern das [roman:] Be welcome Boys in Blue [/roman] mit dem Sternenbanner, Louis stolzem Bild u. dem hübschen Leitartikel, der auch [roman:] those who wore the grey [/roman] freundlich u. brüderlich die Hand bietet. Ich bin sehr stolz, meinen Stiftsdamchens einen Schwager zeigen zu können, der in einer transatlantischen Zeitung steht, dessen kriegerischen Rang ihnen zu erklären u. mit seinem ener=gischen Profil zu prahlen. Alle [strikethrough:] Er [/strikethrough] vorjährigen Erinnerungen an unser Beisammensein im Harz wurde dabei wieder wach. Ach alter Joseph, wenn wir noch ein mal
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solche schöne Zeit erhalten! u. all Eure Kinder mit uns!!!
Von den Verwandten kann ich Dir leider wenig erzählen, Nanni [strikethrough] fühlt sich [/strikethrough] findet es zwar ganz behaglich wieder im eignen Hause zu wohnen, klagt aber über die vielen Scheerereien mit den Mietern, die häufig aus=ziehn, weil die Wohnungen keine Wasserleitungen haben. Nanni er=kennt die Berechtigung dieser For- derung an u. ist bereit, diese An=lage machen zu lassen. Ihre Nef=fen aber, die mitzureden haben weil sie Miterben sind, weigern sich, Sie brauchen immer Geld u. scheuen die Kosten. - Auch die absolute Ein=samkeit, in der sie lebt, fängt an, sie zu drücken u. wird sie wohl bald irgendwohin in die Berge flüchten. Falls Ihr im nächsten Sommer
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nach Hasserode kommt, will sie auch dort sein; sonst ist ihr das dortige Klima zu rauh. - - Schwester Auguste u. Friedel haben Euch wohl selbst mal geschrieben? Erstere hat sich den ganzen Winter über tapfer gehalten u. Friedchen fängt ja auch an (endlich!) sich von ihrem Monate langen Magenkatarrh zu erholen. Die Anlage dazu hat sie von ihrem Vater geerbt; wir Amerlans können, Gott sei dank, Kie=selsteine vertragen. Pfingsten wird Oberförster Hermann, dein Patchen, bei ihnen sein. Aus Mün=chen kommen spärliche Nachrichten. Die 3 Jungens sind kräftig u. ge=sund u. tüchtig in der Schule, aber Max kommt schwer vorwärts: die Geldknappheit im [insertion]ganzen[/insertion] Lande macht sich bei jedem Unternehmen fühlbar. - Bruder Albert
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hatte im Winter die Gürtelrose; seine gute Natur half sie ihm - trotz mangeln=der Pflege - überstehn. Nun lebt er schlecht, recht u. bescheiden weiter in Wien von Privatstunden u. kleiner bitterer Arbeiten (meist span. Übersetzungen), - Die arme Marie v. D. ist noch immer im Irrenhaus; ich fürchte, Paulas feste Zuversicht auf Genesung wird sich nicht erfüllen. Arme Schwestern! Ihren Bruder Albert ist der erbliche Adel ver=liehn (das "von" ist nicht vollberechtigt; nur "v." D. - . ist ächtes Blaublut). Oscar's Sohn Alfred ist Konsistorial=präsident in Magdeburg geworden: die Könker'sche (großelterliche) Ping=lichkeit liegt ihm von der Mutter her im Blut. - Valentins Befinden hat sich unerwartet gebessert; sie sind Alle sehr glücklich darüber. - Onkel Leo lebt noch u. ist rührend anhänglich u. interessiert sich für die
[page 8, left margin:] "Familien"-Verwandtschaft bis ins fernste Glied. Vergiß ja nicht, mir zu schreiben, sobald du Toni Grieben in Chicago aufgesucht hast. -
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Ziehst du dann als [roman:] delegate lady [/roman] auch mit würdiger Toilette in Chicago ein? Ich hoffe Dora hat dafür gesorgt. - Ich stolziere jetzt hier
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mit deinem schwarzseidnen Paletot herum u. mache groß=artige Sensation; das kann ich dir sagen. -
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Nun aber adieu für heut! grüße alle deine lieben Kinder u. Kindeskinder u. schreibe mir im Sommer recht ausführlich von Allen
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Besonders aber mußt du mir mal wieder mehr von Deinem Pracht-Ludwig erzählen. Hat er
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wieder mal 17 Waggons Zahnstocher für Afrika verfrachtet? Die amüsieren mich noch immer. -
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Auch von der [?] Chassire [/?] - [roman:] cat [/roman]; vielleicht geht es besser wie Ihr [?] gehängt [/?]
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Mit 1000 innigen Grüßen für Dich und Louis [?] Eure treue [/?] Tante Fr
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