Sammlung: Raster Family Letters
Verfasser: Hermann Raster
Empfänger: Askan Raster
Bezeichnung: Brief von Hermann Raster an seinen Bruder Askan Raster, 21. September 1856.
Hermann Raster an Askan Raster, 21. September 1856
Original text
[roman:] New York [/roman], Sonntag 21. September [in pencil:] 1856 [/in pencil]
Lieber Bruder
Wärest Du in den labyrinthischen Irrgängen der amerikanischen Parteipoli= tik etwas bewandert ‒ und ich beeile mich, hinzuzufügen, daß Du sicher froh darüber sein kanst, daß Du es nicht bist ‒ so würde der inliegend aus einer hiesigen Zeitung geschnittene Zettel Dir ganze Bände erzählen von der gräßlichen par force Jagd auf die sich Dein armer Bruder während der letzten Monate, besonders seitdem ich Dir den letzten Brief schrieb, hat abhetzen müssen. Du findest auf dem Zettel meinen Namen unter denen der Männer welche die republikanische Partei unseres Staates als Kandidaten für die Stellen von Präsidentschafts-Wahlmännern [roman:] (electors) [/roman] aufgestellt hat. Das wird Dir als eine sehr einfache, sehr unbedeutende Sache vorkommen, besonders dann wenn ich Dir noch sage, daß ein Wahlmann ‒ wenn erwählt ‒ keinen Amtsgehalt, od. dgl. bezieht u. daß seine ganze (im Grunde genommen sehr überflüssige, aber durch die Bundesverfassung erheischte) Thätigkeit darin besteht, daß er zu Anfang Dezember seinen Stimmzettel pro forma für den Kandidaten derjenigen Partei abgibt, die er vertritt. ‒ Aber ich sage Dir, es kleben an diesen wenigen Buchstaben viel Schweißtropfen, viel gerissene Stiefelsohlen, wenn auch Gottlob kein Geld. ‒ Der alte Oxenstierna sagte seinem Sohne: "Du wirst erfahren, mit wie wenig Weisheit die Welt regiert wird". Wäre er in Amerika gewesen, so hätte er sicherlich gesagt "auf wie viel Pfiffigkeit die Welt regiert wird." Vielleicht kommen beide Sätze auf dasselbe hinaus und je größer die anzu= wendende Pfiffigkeit, desto kleiner [insertion:] geringer [/insertion] mag die Warheit sein.
Um Dich zunächst über die Sache selbst ins Klare zu setzen, hier einige Worte. Dem Namen nach ist die Präsidentenwahl eine indirekte. Jeder Staat wählt so viele Wahlmänner, als er Vertreter im Congresse hat, näm=
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lich 2 [roman:] electors at large [/roman], d.h. für den Staat im Ganzen, entspre= chend den 2 Senatoren und dann noch so viele District= Wahlmänner, als der Staat Wahlbezirke für das Repräsantantenhaus hat. Indessen werden auch die letzteren nicht [illegible] einzeln in den Bezirken, sondern en bloc auf einem gemeinschaftlichen "Ticket" (Liste, Zettel, oder wie Du es übersetzen willst) gewählt, so daß demnach diejenige Partei, die im ganzen Staate siegt, nicht bloß eine Mehrheit der Wahlmännerstimmen, sondern sämmtliche gewinnt. ‒ Doch dieses ganze Verfahren ist, wie schon angedeutet, nur pro forma. In der Wirk= lichkeit stimmt man, indem man für dieses oder jenes "electo= ral Ticket" stimmt, direkt für diesen oder jenen Präsidentschafts= Kandidaten, da die Wahlmänner dieser Partei selbst verständlich nur für den Kandidaten ihrer Partei stimmen (der im vorliegenden Falle Oberst [roman:] Fremont [/roman] ist).
So unwichtig nun hiernach die Stellung eines [roman:] "electors" [/roman] er= scheinen möge, so wird doch darauf ein ziemlicher Werth gelegt, einmal, weil es eine ziemlich hervorragende Ehrenstelle ist und zweitens, weil, wenn die betreffende Partei siegt, angenommen wird, daß die Wahlmänner mit in der einer der vordersten Reihen stehen, wenn es an die Austheilung der [roman:] "spoils" [/roman], d.h. der "Beute," d.h. der fetten Ämter u. Pfründen geht, welche die Bundesregie= rung zu besetzen hat (nachdem sie, wie üblich, den früheren Amtsinhabern, die zu einer andern Partei gehören, den Laufpaß gegeben) ‒ In dieser letzten Beziehung hat die Stelle freilich nur Werth für Solche, die Lust und Fähigkeit haben, sich gehörig vorzu= drängen und keines der oft ziemlich unsaubern Mittel ver= schmähen, die bei solchen Gelegenheiten in Anwendung gebracht zu werden pflegen.
Ich selbst habe hierzu keine Neigung. Wenn ich nach der Stelle
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strebte, so geschah es mehr Ehrenhalber und um dem deutschen Namen, der nur zu oft in solchen Fällen aufs ungebührlichste in den Hinter= grund gedrängt wird, sein Recht zu verschaffen; höchstens noch, um, falls die Wahl zu Gunsten meiner Partei ausfallen sollte, Freunden durch meinen Einfluß behilflich sein zu können. Eben darum habe ich auch nicht ein Zehntel der Mittel angewendet, die meine ‒ durchgefallenen ‒ Conkurrenten aufboten; habe sogar einen davon ‒ den die Sache mindestens $ 3‒500 kostet, ‒ dazu verholfen, daß er als Abgeordneter zu der Partei Convention nach [roman:] Syracuse [/roman] geschickt wurde, welche die Liste aufstellten; habe kaum mit 2 oder 3 hervorragenden amerika= nischen Parteimitgliedern Rücksprache genommen; bin nicht selbst nach [roman:] Syracuse [/roman] gereist und habe mich lediglich darauf verlassen, daß die Verdienste, welche ich mir als Redacteur der Abdztg. um die Förderung republikanischer Prinzipien unter den Deutschen erworben, mir zur wirksamsten Empfehlung gereichen würden. Nicht einmal habe ich das gethan, was ich leicht hätte thun können u. einer Em=pfehlung von Hrn. Fremont, mit dem ich bekannt bin, nachzusuchen. Der Erfolg hat gezeigt, daß meine Politik verhältnißmäßiger "Gleichgültigkeit" richtig war.
Und dennoch: wie viel Lauferei u. Schererei, wie viel Ärger, Troubel u. Verdrießlichkeiten aller Art habe ich nicht noch bei dieser so bequemen Politik durchmachen müssen. Da gab es hier einen Bezirksclub, da eine Massenversammlung, dort ein Central Comite, oder ein Generalcomite, einen Vollziehungs-Ausschuß, eine "Primärwahl" (d.h. Wahl von Vertretern zu einer Parteiversammlung) u. dgl. wo man sich zeigen, sprechen, arbeiten, sich Geltung und
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Einfluß verschaffen, oder wenigstens dem von Nebenbuhlern das Gleichgewicht halten mußte. Und all diese mannichfaltige, durch eine endlose Reihe von Intrigen u. kleinlichen Machinationen vollends zur tollsten Wirrniß gemachte Thätigkeit mußte sich noth= wendig auf die wenigen Mußestunden zusammendrängen, die mir nach meiner Arbeit für die Abendzeitung, nach Abfertigung meiner Correspondenzen für Nationalzeitung u. Augsb. Allgemeine, nach Abfassung von kleineren Flugschriften, oder Übersetzung von Partei Dokumenten, wie eine Wahl sie mit sich bringt, noch übrig blieb. Wird es Dir unter solchen Umständen auffallend vor= kommen, daß ich in diesen wenigen Monaten körperlich so erschöpft bin, als hätte ich einen kleinen Feldzug gemacht, daß mir die fortwährende Aufregung eine nervöse Unpäßlichkeit zuzog, die ich noch nicht ganz überstanden habe und daß ich herzlich froh bin, endlich die "Staatsconvention" hinter mir zu haben? ‒ Noch zwar stehen mir 6 bittere Wochen bis zur Wahl (4. November) be=vor, noch werde ich in dieser Zeit oft genug über Plack u. Qual zu seufzen haben, aber wenigstens habe ich doch nun keinen eigenen Topf mehr auf dem Feuer. Denn na die "Nomination" (Ernennung zum Kandidaten) erhalten zu haben, ist so viel, als alle Ingredienzen eines Mahles in den Topf geprockt und diesen aufs Feuer geschoben zu haben. Ists so weit, so muß man sich ruhig aufs Glück verlassen. ‒ Siegt, wie ich hoffe u. wünsche, meine Partei, ‒ nun dann, wohl und gut; wird sie geschlagen, so war Alles nur Spaß u. man wischt sich den Mund.
Mit dieser Generalbeichte ‒ mag sie Dich interessieren oder nicht ‒ mußt Du diesmal vorlieb nehmen. Meine Frau u. Schwiegermutter lassen Dich herzlich grüßen. Die kleine Mathilde hat recht gelacht ‒ als ob sie etwas davon verstünde als wir ihr erzählten, ihr Onkel hätte sich eingebildet, daß sie getauft wäre. Auch ich lache noch, wenn ich daran denke, gerade als hättest Du mir von der Arche Noah oder sonstigen sündflutlichen Dingen gesprochen. Dein Bruder Hermann




