Sammlung: Weinhardt Family Letters
Verfasser: Philipp Weinhardt
Empfänger: John V. Weinhardt
Bezeichnung: Brief von Philipp Weinhardt an seinen Bruder, John V. Weinhardt, 22. September 1927.
Philipp Weinhardt an John V. Weinhardt, 22. September 1927
Original text
Windsheim, den 22. Sept. 27
Lieber Hans!
Deinen Brief erhalten und danke Dir für Deine Glückwünsche und für die 5 $. Leider konnte ich Dir heuer keine Freude machen. Das Geld kann ich sehr gut gebrauchen. Muß mir noch verschiedenes anschaffen unter anderem auch 1 Reißzeug. Heuer gab ich zum erstenmal Nachhilfestunden in Mathematik. Für die Stunde M 0,80 ist sicher nicht zuviel. Anfangs der Ferien hab ich in Vaters und Mutters Schlafzimmer einen Umschalter eingebaut, sodaß Mutter beim Licht ausdrehen nicht mehr aufstehen braucht. Vergangene Woche gabs im Keller immer Kurzschluß. Ich fand den Fehler lange nicht, denn wer denkt daran, daß im Porzellanrohr die Ursache der Störung zu suchen sei. Es hatte
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sich dort Wasser angesammelt, das den Leitungs draht, nachdem die Isolation abgefault war, Kurzschluß herbeiführen ließ. Als der Fehler mal gefunden, war die Störung gleich behoben. Soviel von meiner häuslichen Tätigkeit.
Du mußt mir noch erzählen, wie Dir das Buch „die Wiskotten“ v. R. Herzog gefallen hat. Bei der nächsten Gelegenheit schick ich Dir mal einige andere Schriftsteller, vielleicht „Faust“ v. Goethe.
Unser Stiftungsfest war sehr schön. Vergan- genen Sonntag waren wir in Würzburg, bei dem 40. Wiegenfeste unserer Freunschaftskorporation der Absolventen-Vereinigung v. 1887. Erwähnung verdient vor allem der gute Wein. Doch es soll mir feren liegen, Euch „arme Amerikaner“ zu verulken, sondern ich trinke auf Euer Wohl einen kräftigen Fetzen.
Kannst ja mit einer Zitronenwasserlimonade nachkommen.
Also Prosit!
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Wenn Du heute die Zeitung gelesen hast, so wirst Du auch von der Tannenberg-Feier gelesen haben, die den ausländischen Pressen Gelegenheit gegeben hat, über unseren Reichspräsidenten herzufallen. Er hat nämlich behauptet, Deutschland hat den Krieg nicht gewollt und habe nur aus Notwehr zur Waffe gegriffen. Das wollen aber unsere Feinde durchaus nicht wissen, besonders dem „vielgeliebten“ Primere klingt dies wie Teufelmusik in den Ohren. Ich wäre Dir nun dankbar, wenn Du mir auch einige amerik. Zeitungen schicken wolltest, die hierzu Stellung nehmen. Auch für die „Popular Mechanics Magazine“ wäre ich Dir dankbar. Noch eins: Ab 1. Oktober wohne ich Nürnberg, Hindenburgplatz 8, III. St. bei Dr. Hofmann.
Mit den besten Grüßen
Dein Philipp



